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Sonntag, 24. Dezember 2017

Überversorgung - Der Putzwahn und seine Folgen

In unserem Land herrscht Pflegenotstand! Das ist schlimm, sehr schlimm sogar, betrifft aber in keinem Fall die in unseren Breiten genutzten Pfeifen. Da wird gepökelt, alkoholisiert und Cake geschrappt. Ein ganzer Tsunami von Hautpflege-Cremes ergießt sich über alle greifbaren Hölzer. Eine Armee von selbst kasteienden Heinzelmännchen fällt mit Zahn- und Wurzelbürsten über unschuldige Rauchhölzer her und schubst ahnungslose, aber im Zustand eigentlich einwandfreie Hölzer arglistig in Ultraschall-Bäder. Da wird poliert, bis die ehemals glatte Pfeife schon ein Sandstrahl-Relief aufweist und gewachst, bis die, wie eine Speckschwarte glänzende Pief, durch die Finger flutscht wie ein nasses Stück Kernseife! Der einzig akzeptable Zustand für einen Schmauchhaken scheint der „ladenneue“ zu sein. Ist er nicht mehr gegeben, erwachen Schrublust und Spieltrieb gleichermaßen im Raucher, Zahnpasta und Babylotion stehen Gewehr bei Fuß und den Nutzungsspuren wird der schäumende Kampf angesagt. Es wäre doch gelacht, wenn man diese Pfeife nicht auch tot pflegen könnte! Stop! Bitte! Nur einen kurzen Moment!

Natürlich gibt es, in den betreffenden Foren, bei Facebook und Co., Aufarbeitungs- und Pflegetipps in rauen Mengen. Manche davon taugen sogar etwas. Natürlich habe auch ich durch die Jahre immer mal wieder solche Tipps und Hinweise gegeben. Was aber scheinbar völlig untergeht, ist, ob die jeweiligen Schritte notwendig und sinnvoll sind. Bekomme ich, durch einen netten Nachbarn oder ein Ein-Euro-Gebot eine Pfeife zugespielt, die aussieht, als sei sie mit ihren jeweiligen Vorbesitzern schon dreimal beerdigt und nach Monaten wieder exhumiert worden, sind extreme Schritte wie Cake räumen, ausputzen mit Alkohol, geschmacksneutralisierender Zitronensaft, Danish Oil, Pfeifenwachs… ja, sogar die Bearbeitung an der Poliermaschine, sinnvoll. Schließlich möchte man keine Pfeife rauchen, die nach Muttererde schmeckt oder sich Mundwinkelpilz oder Herpes zuziehen. Wer es kann, gründlich tut und so aus einem Pfeifen-Zombie wieder ein Schmuckstück macht, hat Spaß dabei… und Grund dazu!


Warum aber werden regelmäßig ge(b)rauchte (und somit auch geputzte) Pfeifen alle vierzehn Tage einbalsamiert, wie weiland Ramses, der Berauchte? Welcher Sinn steckt darin, eine vielleicht ein Jahr alte Pfeife mit Alkohol und Salz abzufüllen? Wieso ertränkt man sein Rauchwerkzeug im Wochenrythmus in Paraffin und zwar so lange, bis das äußerst kriechfähige Zeug in Pfützen IN der Pfeife steht? Das ist dann die, sprichwörtlich, letzte Ölung…

Ja, wenn sie nicht mehr frisch und etwas muffig schmeckt, kann man über Nacht mal einen mit Zitronensaft benetzten Reiniger einziehen. Wenn man Pfeifen nur in der Hand hält, dann kann man, des aggressiven Handschweißes wegen, alle paar Wochen mal ein Tröpchen alkoholfreie Pflegecreme auf dem Kopf verreiben. Wer irgendwann feststellt, dass der so geliebte Glanz auf dem Kopf nachgelassen hat, poliert ihn sanft mit einem 4000er Nagelshiner wieder auf. Kann man alles machen, aber doch bitte in Maßen. Wie hat der olle Paracelsus schon 1538 so richtig gesagt: „Alle Dinge sind Gift und nichts ist ohne Gift. Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist!“


DAS ist der Punkt! Nein, ich rede hier nicht den Pfeifen-Ferkeln das Wort. Es ist schlicht eine unappetitliche Sauerei, wenn Mundstücke vor Kondensat kleben und die Kopfränder mit einem schwarzen Ring aus Kondensat und Gummi Arabicum verziert sind. Seine Pfeifen verkommen zu lassen ist weder cool, noch zeugt es von Kennerschaft. Wer dieser Meinung sein sollte, braucht auch nie wieder Besteck und Gläser spülen. Doch so gut gemeint ein ambitioniertes Pflegeprogramm für die eigenen Pfeifen auch ist: man tut schnell des Guten zu viel und erreicht das Gegenteil. Das ist so, als gieße man täglich seine Topfpflanzen mit Eimern voller Frischwasser, damit die zarten Kräutlein keinen Durst leiden müssen. Man will etwas Gutes und tut etwas Schlechtes.

Ich finde es großartig, wie liebevoll und gründlich Pfeifenpflege heute durchgeführt wird. Sie tun sich und ihrem Umfeld damit etwas Positives an. Eine gut gesäuberte Pfeife schmeckt nicht nur besser, sie wird von der Umwelt auch mit deutlich besserem Geruch wahrgenommen. Was allerdings die Intensität der Pflegemaßnahmen angeht, möchte ich Ludwig Erhard zitieren (nein, nicht Heinz, sondern Ludwig) : „Maß halten !“… und da hatte er recht, auch, wenn er Zigarrenraucher war!

Ihr Ralligruftie



Autor: Ralf Dings

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