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Freitag, 29. Januar 2016

Die "New Pipe"-Realsatire!

Vor einiger Zeit tönte ein halb erschrockenes, halb entsetztes Raunen durch den Pfeifenwald. Die Hipster haben die Pfeife entdeckt. In allen, mehr oder weniger wichtigen Szene-Blättchen, meldeten sich plötzlich begeisterte Anhänger. Sie fanden heraus, dass die Pfeife genau das Accessoire war, dass ihnen zum Viertelpfund Seegrasmatratze und der Nickelbrille mit Fensterglas im Gesicht noch fehlte.

Das Gros der eingesessenen Pfeifenraucher sah diese Entwicklung recht gelassen. Wohlwissend, dass sich ein Großteil der neuen Pfeifenjünger wohl spätestens nach dem ersten deftigen Zungenbrand einen anderen Schnuller suchen würden. Der Untergang des Abendlandes wurde zwar von einigen orthodoxen Pfeifenmönchen angekündigt, blieb bislang aber aus! Bösartige Satiren über den Hipster-Run konnte man sich verkneifen. Das war aus Reihen der Pfeifenfans auch gar nicht nötig. Die deftigste Pfeifenhipster-Verarsche liefert die Industrie, die diesen gelangweilten Profilneurotikern katzbuckelnd hinterher schleimt!

Absoluter Knaller und Spitzenreiter dürfte die Firma New-Pipe sein. Ihre Berechtigung sieht sie darin, ein stockkonservatives Bent-Shape in verschiedene Ostereierfarben zu tauchen und diese Aktion über mehrere aufgeblasene Webseiten hinweg als Neuerfindung des Rades zu feiern. Was die zuständigen Schreiberlinge unter http://www.new-pipe.de da absondern, hätte sogar den Journalisten der "PRAWDA" zur Ehre gereicht!


Zitat: "New Pipe ist die neue moderne Pfeife der Zukunft. Farbenfroh und designorientiert präsentiert Sie sich in einer absolut stilsicheren Optik. Die atemberaubende New-Pipe Serie No.1 setzt einen neuen Trend und revolutioniert die Zukunft des Pfeife rauchens. Die Tradition wird mit einem modernen Outfit wieder neu in Szene gesetzt. Sie ist konkurrenzlos und es gibt nur das eine Original." Zitat Ende.

Soviel Worthülsen-Geballer und Schaumschlägerei schon in den ersten Sätzen? Das muss doch lustig werden. Wird es auch, wenn man Dümmlichkeiten und bewusst unkorrekt verwandten Begriffen gegenüber schmerzfrei genug ist. Im Weiteren erfahren wir, dass die Pfeife, die sich scheinbar in Form eines Gartenzwerges selbst präsentiert, ein "Einzelstück ist, ein Unikat!" Sicher, deswegen sind auch alle Pfeifen auf den Hundertstel Millimeter gleich und unterscheiden sich nur durch ihr Farbkleidchen – is' klar! Deshalb erfahren wir auch sofort, für wen die "New-Pipe" ein unverzichtbarer Bestandteil des Lebens werden wird: "Für alle, die noch einen Funken Hoffnung haben und an etwas glauben". Na, sind wir nicht alle ein bisschen Bluna?

Es wird aber noch besser! Man präsentiert uns mit der "New Pipe" schlicht und ergreifend "die Designer-Pfeife der Zukunft" ...ja, Sackzement, wer hätte das gedacht? ...und dieses, in Farbe getunkte Industriepfeifchen, gibt es, verziert mit 10 Pfeifenreinigern und 10 Vauen-Filtern incl. des berühmten "Geronimo"-Stopfers, schon für schlankmachende und Bart schonende 129,95 Euro plus Versand. Wenn DAS kein Schnäppchen ist, dann weiß ich auch nicht.


Sie MUSS ihr Geld wert sein. Schließlich ist sie, wie wir auch erfahren, unisex und zur Herstellung wird tatsächlich nur die Knolle des Bruyere-Strauches benutzt. Den Rest der mehrere Meter hohen Pflanze werfen die Macher tatsächlich weg - einfach so… statt da wenigstens noch ein paar bunte "Geronimos Edition Wood" draus zu schnitzen! Das nenne ich resolut, das bürgt für Qualität. Zudem werden "nur die hochwertigsten Hölzer verwandt" ...na ja, klar, deswegen klatscht man sie ja auch mit Farbe zu! Mit der "New-Pipe" werden außerdem "die Spiesser unter uns entlarvt" ...oder zumindest die Typen, die für solch' aufgeblasenen Popanz kein Geld aus dem Fenster werfen. Einer dieser entlarvten Typen tippt gerade diese Zeilen!

Das Ganze gipfelt in einem Feuerwerk des Schwachsinns, mit Zitaten von Albert Einstein und Che Guevara (Kunststück, die können sich ja auch nicht mehr wehren) und endet mit der Feststellung: "Die Pfeifenrevolution ist nicht mehr aufzuhalten". Na, herzlichen Glückwunsch!


Sehr geehrte Macher der "New Pipe": Wenn Sie tatsächlich eine Revolution anzetteln möchten, dann machen Sie das doch bitte nicht mit einer Idee, die ein so alter Hut ist, dass ihn nicht einmal mehr ein Hipster aufsetzen würde. Über Ihre "bunte Revolte" kann man bei Chacom und DB nur müde lächeln. Dort hat es traurige Tradition, Pfeifen bunt zuzukleistern. Wenn Sie schon mit einem grenzwertigen Zwergenkerlchen auf den Fotos werben, dann sollte dieser Schneewittchen-Diener auch wenigstens eine Ihrer tollen New-Pipes rauchen und nicht ein Fremdfabrikat. Zudem sollten Sie in Ihren Texten nicht derartig mit Groß- und Kleinschreibung auf dem Kriegsfuß stehen.

Fazit: Wenn es sich hierbei wirklich nicht um eine Realsatire handelt, sondern um ein tatsächlich zu erwerbendes Produkt, dann ist das der bunteste Käse, den ich je gesehen und gelesen habe. Ist es aber eine Satire, dann herzlichen Dank - lange nicht mehr so gelacht ....auch fremd schämen kann lustig sein!

Ihr Ralligruftie


Autor: Ralf Dings

Donnerstag, 28. Januar 2016

G.L. Pease - Sixpence

Der „Sixpence“ ist ein Tabak aus der Old London Serie von G.L. Pease. In dieser Serie hat G.L. Pease seine Interpretationen einer englischen Mischung (Virginia, Latakia und Orient) zusammengestellt. Die Mischungen der „Old London Series“ werden laut G.L. Pease nach alten, bewährten traditionellen Methoden hergestellt. Ganze Blätter, die Mittelrippe sorgfältig entfernt, in Schichten zusammengelegt und als Kuchen gepresst. Der Tabak wird kurze Zeit gereift, damit sich die Fermentation fortsetzen und das Flavouring in den Tabak einziehen kann. Anschließend wird der Kuchen entweder als Flake in Streifen geschnitten oder diese als Broken Flake aufgerieben. Diese Herstellungsprozedur soll laut G.L. Pease die natürlichen Aromen und Komponenten der Tabake besser zur Geltung bringen. Eine etwas aufwendigere Art der Herstellung, aber sie soll es wert seien. Schaun mer mal.
In der “Old London Series sind bisher folgende Mischungen erschienen: „Chelsea Morning“ (2009), „Quiet Nights“ (2010), „Meridian“ (2010) „Lagonda“ (2011), „Sextant“ (2012), „Navigator“ (2012), „Gaslight“ (2013), „Sixpence“ (2014).

Ich hab den „Sixpence“ jetzt einige Male geraucht, mit und ohne Filter in mittelgroßen und größeren Köpfen, und wusste am Anfang nicht recht den Tabak einzuordnen. Da ist zuerst nach dem Öffnen der Dose diese alkoholische Note, die für mich nur schwer einzuordnen ist, irgendwo zwischen Fusel und etwas süßlichen Wine Cooler. Der Tabak war für meinen Geschmack etwas feucht, so dass ich ihn erst einmal über Nacht habe offen stehen lassen. Danach war auch die alkoholische Note nicht mehr so aufdringlich und die Würze der dark-fired Kentuckys und Virginias steigt angenehm in die Nase. Der Tabak ist ein Broken Flake, bestehend aus aufgeriebenen dark-fired Kenntuckys, Virginias und einer guten Prise Perique. Er lässt sich gut stopfen und in Brand setzen. Nach den ersten Zügen fühlt er sich verhältnismäßig leicht und cremig an, ohne jedoch die Süße der Virginias zu zeigen. Für meine Geschmacksrichtung ein wenig zu leicht für eine englische Mischung, die zu großen Teilen dark-fired Kentuckys enthalten soll. Der Perique macht sich im Hintergrund bemerkbar durch eine dezente Säure.
Im ersten Teil ist von der Würze und Erdigkeit, die beim Öffnen das Aroma dominiert haben und einen kräftigen, erdigen Geschmack suggerieren, nur wenig zu spüren. Die Virginia Noten überwiegen ohne jedoch eine Süße, die man von reifen Virginias erwarten würde. Ab der Hälfte spürt man beim Rauchen die Kentuckys und der Tabak gewinnt zunehmend an Kraft und Würze. Von den leichten Virginianoten ist nichts mehr übrig. Jetzt dominieren die eher herben, kräftigen erdigen Noten der dark-fired Kentuckys und man hat das Gefühl, auch vom Nikotin jetzt mehr zu spüren. Die Mischung bleibt aber insgesamt sehr vollmundig und cremig.

Es empfiehlt sich den Tabak genüsslich langsam zu rauchen, da er sonst schnell zu heiß wird und bittere Noten auf der Zunge hinterlässt.
Insgesamt eine interessante Mischung mit zwei unterschiedlichen geschmacklichen Hälften. Für einen kräftigen, erdigen Flake fehlt ihm die Power über die ganze Füllung, und für einen leichten Flake hat er bereits zu viel Bums.
Der „Sixpence“ von G.L. Pease ist eine Mischung, mit der man erst warm werden muss und die eher auf den zweiten Blick eine geschmacklich interessante Alternative für Freunde der englischen Mischungen ist.
Viele Grüße aus dem Werdenfelser Land!

Autor: Torsten Wieczorek


Freitag, 22. Januar 2016

Danske Club - Cherry

Ab und an treibt es mich in die Süßwarenabteilung und für mich persönlich ist die Kombi Tabak/Kirsche im richtigen Verhältnis durchaus reizvoll. Nach dem Studium, der bei meinem Dealer vorrätigen Kirschtabake, fiel die Wahl auf den Danske Club. Schon allein deswegen, weil laut Herstellerinfo wenig Black Cavendish verwendet wurde. Hierfür einmal die Prosa der STG: "Eine Mischung als hellen Virginiatabaken, Burley und etwas Black Cavendish. Zart-fruchtiges Kirsch-Aroma. Verschiedene Schnittbreiten."


So... Soviel dazu. Der Riechtest am geöffneten Pouch zeigt auf, wohin der Hase läuft. Die Kirsche kommt dominant raus. Und irgendwas dunkles schwingt mit. Es riecht ein wenig nach dunkler Schokolade. Vielleicht kommt das aber auch vom Burley. Schwer zu sagen. Zumindest für mich und meinen Gesichtserker. Und er kommt recht feucht daher, was mich bei einem Aromaten aber auch nicht ernsthaft überrascht. Gerade wenn Aroma mitspielt, habe ich etwas Feuchtigkeit sehr wohl gerne. Dann wird eben sanft gestopft.

Nach zwei Zündvorgängen, mit der obligatorischen Glättung zwischendurch, brennt der Kollege auch gehorsam ab. Aber was ist das? Auch wenn der Geruchstest recht intensiv und kirschig ausfiel, schwingt hier das Aroma hauptsächlich begleitend mit und färbt schön die Raumnote. Aber es ist nie zu viel. Die Süße der Virginias kommt gut durch und wird von der Kirsche maximal begleitet, bzw. unterstützt. Und das bleibt auch so. Ich würde ihn nikotinmäßig maximal knapp medium ansiedeln. Da wenig Black Cavendish verwendet wurde, hält sich der Tabak auch über die ganze Länge und verwandelt sich nicht irgendwann in nichtssagenden Rauch. Ich kann für diesen Tabak eine Empfehlung für diejenigen aussprechen die einen aromatisierten Tabak suchen, der auch noch nach Tabak schmeckt. M.E. der beste aus der Danske Club-Familie, der mir bisher untergekommen ist.

Geraucht wurde der Kollege mit Filter aus diversen Pfeifchen zwischen kleinen und knapp großen Füllvolumen, wobei es ihm gut tut, wenn er etwas Platz zur Entfaltung hat.


Autor: Chris Henck

Freitag, 15. Januar 2016

Tabak Zander - Wuppergenuss

Na? Sind Sie gut im neuen Jahr angekommen? Zu Weihnachten die gleiche Leckerei-Lawine, wie jedes Jahr? Schön fett, süß, viel und dazu ein paar leckere Tröpfchen? ...und zu Silvester der gleiche Vorsatz, wie in jedem Jahr? ...das genau DAS aufhören muss? Ist es nicht schön, ein schwacher Mensch zu sein?


Sollten Sie sich inzwischen Begriffen, wie Schokolade oder Whisky, wieder nähern können, ohne Sodbrennen oder Kopfschmerzen zu bekommen, würde ich Ihnen gern eine Leckerei aus dem Hause Zander Wuppertal näher bringen. Seien Sie unbesorgt. Keine der beiden Zutaten gibt es im Überfluss und Kalorien sind auch keine drin.

Der mildsüße Virginia sorgt, gemeinsam mit recht dosiert verwendetem Black Cavendish für eine entspannte Basis. Dazu mischen sich schon beim Nasentest Aromen von zartbitterer Schokolade sehr angenehm mit dem harzig süßen Aroma eines gestandenen Whiskys. Übrigens ist der, bei Planta für Zander gemischte,Tabak nach wie vor erfreulich opulent verpackt. Das Kraut selbst ist in Plastiktüte mit Verschlussdraht untergebracht, befindet sich in einer Druckdeckeldose und verfügt zusätzlich über einen Kunststoffdeckel darüber. Noch sicherer lassen sich Aromen nicht erhalten.


Mit Rücksicht auf die relativ feuchte Konsistenz nicht allzu fest gestopft, nimmt die Füllung gut die Zündung an und glimmt rasch schön gleichmäßig. Die Schokoladennote tritt schon recht deutlich hervor, ihr herber Charakter unterstützt die Tabakaromen aber eher, als das sie sie überdeckt. Kommen wir zum Whisky und damit zum Knackpunkt. Während der Freund der eher naturnahen Tabake hier ein akzeptabel rundes Geschmackskonzept bescheinigt und die dezente Whiskynote eher begrüßt, ist der Aromatenfreund enttäuscht und hätte sich ein Gläschen mehr davon in der Mischung erhofft und erwartet. Sollte ich die Geschmäcker in ein Verhältnis bringen, würde ich etwa auf 70:30 für die Schokolade tippen. Die Würzigkeit des Whiskys ist zwar als Hauch erkennbar, Liebhabern des Aromas dürfte das aber eindeutig zu wenig sein.

Also eher so ein Hauser-Kienzle Ding, diese Mischung. Für Beginner und Freunde eher natürlicher Mischungen von Herzen zu empfehlen - da auch dem Tabak noch Raum bleibt und sich die Aromatisierung harmonisch anpasst. Für Liebhaber hocharomatischer Kräuter und vor allem für Whiskyfans vielleicht nicht die erste Wahl. Genuss erfordert auch bei diesem Tabak Zeit. Wer es mit der Rauchgeschwindigkeit übertreibt, erntet schnell einen angebrannten Beigeschmack der Schokolade, was den Spaß schnell enden lässt.


Immerhin eignet sich der „Wuppergenuss“ aber auch durchaus für kleinere Pfeifenvolumen und auch zum Rauchspaß ohne Filter.

Fazit: Durchaus eine Bereicherung am Markt der dezenter aromatisierten Kräuter, harmonisch allemal, ohne Spitzen und Ecken… und sollte der Whisky als fehlend empfunden werden, kann man ja mit einem dazu getrunkenen Gläschen nachhelfen.


Ihr Ralligruftie


Autor: Ralf Dings

Freitag, 8. Januar 2016

Butz Choquin Origine - Die schöne Halbherzigkeit!

1857 wars, da bauten Gustave Butz und Jean Baptiste erstmals dieses Pfeifenmodell. Seinerzeit noch mit einem Holm aus Albatrosknochen, Mundstück aus Horn und Metallzwingen in den Verbindungen. Die Zusammenarbeit muss derart harmonisch gewesen sein, dass man im Folgejahr die Firma Butz-Choquin gründete. Seither ist BC immer wieder durch Extravaganz und spannende Shapeideen aufgefallen.


Eine schöne Idee auch, die Origine 1882 neu aufzulegen, in rustic, dunkelbraun und (Achtung, hoher Anspruch!) natur. Eben diese Natur-Version stand bei der Dame meines Herzens ganz oben auf dem Wunschzettel… Sie ahnen, was unter dem Baum lag? Zart, elegant, filigran… die Freude war groß, ihr stand die Pfeife gut… alles fein? Ne, nicht wirklich, wie eine genauere Betrachtung ergab. Der Kopf weist zwei recht hässlich-dunkle Stellen auf und einen, nicht eben unauffälligen Spot. Bei 195 Euro für die Naturversion sollte man solche Hölzer der Rustik-Abteilung übergeben oder sie zumindest dunkel beizen.


Wie man das deutlich besser macht, kann die Firma VAUEN hier gut erklären. Nicht genug damit, finden sich an der Silbermontur eine ordentliche Macke und ein Materialriss, der definitiv beim Aufpressen entstand.


Betrachtet man hingegen die ansonsten gute bis liebevolle Verarbeitung, befremdet dieser Schaden umso mehr. Man kann es nicht anders ausdrücken: mit dem halben Arsch gemacht… und die Endkontrolle ist vermutlich mit dem Maulwurfen besetzt. Ja, das klingt ärgerlich… bin ich auch. 195 Taler sind kein Pappenstiel für diese Pfeife. Da reicht das Gebotene nicht aus.

Ja, sie ist schön, die Origine und ein Sammlerstück und beinahe vergriffen. Alles gut und schön - wäre sie auch verarbeitet, wie es sich gehört, bliebe eitel Freude zurück...

...so überwiegt der schlechte Beigeschmack.

Ihr Ralligruftie



Autor: Ralf Dings

Dienstag, 5. Januar 2016

Pfeifen erobern soziale Netzwerke!

Die Veränderung der vererbbaren Merkmale einer Population wird als Evolution beschrieben. Mutationen führen dabei zu erblich bedingten Unterschieden und die natürliche Selektion entwickelt eine Spezies weiter. Charles Darwin hat diese Theorie in der Mitte des 18. Jahrhunderts erstmalig beschrieben. Ob er dabei genussvoll Pfeife rauchte, ist zu bezweifeln, zweifelsfrei ist allerdings das damalige Fehlen gigantischer Onlinedienste und deren bemerkenswerten Einfluss auf die Evolution der qualmenden Denker.


Ich meine, die Spezies der Pfeifenraucher ließe sich grundsätzlich in zwei Arten ordnen. Die große wächst aus der Gruppe der Suchtraucher, die kleinere entsteht aus dem gemeinen Nichtraucher. Letztere ist ganz bestimmt etwas leidenschaftlicher bei der Auswahl des passenden Rauchgerätes und wesentlich investitionsfreudiger bei dem Einkauf der bevorzugten Tabakwaren. Geld spielt dabei wahrscheinlich eine untergeordnete Rolle, denn die Rauchware bestimmt hier sicherlich viel seltener den gesamten Tagesablauf oder sogar einzigen Lebensinhalt. Dieser Art könnte tatsächlich bewusst sein, dass ein temporäres Fehlen der Mittel den Genuss nur verstärken würde. Der Verzicht ist für sie dadurch möglicherweise viel aushaltbarer.

Das insgesamt vermehrte Aufkommen von Pfeifenrauchern könnte auch die Folge des Rauchverbots in Räumen des öffentlichen Lebens darstellen. Diese Einschätzung ist logisch, wenn man berücksichtigt, dass ein Pfeifenraucher in der übrigen Gesellschaft vielmehr Akzeptanz gegenüber dem Zigarettenraucher erlebt. Vor diesem Hintergrund finden sicherlich viele Suchtraucher den Weg zur Pfeife und beschreiben die andere bedauerliche Art der Gattung. Wie beim gewohnten Einkauf von billigem Zigarettenfeinschnitt wird von Ihr auch bei der Auswahl des Pfeifentabaks vordergründig auf jeden Cent geachtet. Der letzte Schrott wird plötzlich verdammt preiswert und nur der Blender schlechter Tabakprodukte freut sich über deren Absatz. Kommunikation beginnt ein Exemplar dieser Art häufiger mit der Frage, wie viele Pfeifen der gefundene Gesprächspartner am Tag verdampft. Ist dem scheinbaren Neuling in der Pfeifenwelt dann aufgefallen, dass eine Pfeife nach dem Gebrauch etwas Ruhe benötigt, wird insgeheim der eigene Bedarf von Rauchgeräten kalkuliert. Es überrascht nicht, dass der arme Suchtraucher jetzt die Vorzüge billiger Birnenholzpfeifen aus der Bucht herausstellt und verantwortlich für ihre Daseinsberechtigung wird.
Beide Gruppen haben aber gemeinsam, dass sie eine Plattform für den gemeinsamen Austausch mit Gleichgesinnten suchen. Vor der Haustür ist das jedoch unfassbar schwierig geworden und der Computer, dass Tablet oder Smartphone doch eh 24 Stunden am Tag lang an. Außerdem ist auch ein syntaktisch und orthografisch nicht immer einwandfreies „Danke für die Aufnahme in der Gruppe!“ doch ebenfalls schnell eingetippt. Kurz darauf beginnen hier meistens ermüdende Diskussionen über immer gleiche Themen oder überflüssige Fotoaufnahmen, wie das eigene Konterfei bei strahlendem Lächeln mit dem zugehörigen Gebiss die Mundstücke fragwürdiger Pfeifen langsam zerstört – vorausgesetzt, es ist an entsprechender Stelle noch vollständig erhalten. Andere präsentieren sich auf ihrem Bildmaterial stets ungekämmt und freuen sich scheinbar ebenso über das im realen Leben stets vermisste „echte“ Gruppengefühl. Dabei ist das Fehlen eines strukturierten Haarschnittes ganz sicher nicht das Resultat akademischer Zerstreutheit. Um Die eigene Individualität noch weiter zu betonen, wird im Extremfall noch ein Video als Medium zur Selbstdarstellung aufgenommen. Hier variiert die Professionalität mit der Fähigkeit das Smartphone zu bedienen und horizontal von vertikal unterscheiden zu können. Furchtbare Inneneinrichtungen, Übergewicht im Trainingsanzug und missweisende Körperkultur bilden nicht selten das adäquate Pendant zu den präsentierten Rauchwaren. Inhaltlich wächst der Großteil der bewegten Bilder nicht über den Vierzeiler der Textbeschreibung auf der Rückseite entsprechender Tabakdosen hinaus.
Jetzt wäre es ein Leichtes, weitere Vielzahlen dämlicher Verfehlungen bildungsschwacher Protagonisten erschöpfend zusammen zu fassen. Außerdem fehlt sicherlich auch die Erwähnung profilneurotischer Besserverdiener, welche ihrem Proletariat die Sammlung teurer Pfeifen mit weißen Punkten auf den Mundstücken nicht vorenthalten können. Manch Einer fühlt sich dadurch vielleicht ein wenig besser und versucht die im realen Leben gelebte soziale Inkompetenz in das elektronische Medium zu transportieren. Zeugnisse dieser paradoxen Redundanzen finden sich in den Dunstkreisen sozialer Netzwerke mehr denn je.
Doch das Alles wäre vollkommen egal, wenn man bei allen Trotteln doch nur ein einziges Indiz für die „große Leidenschaft“ wiederfinden könnte. - Aber vielleicht findet sich genau hier die Evolution des modernen Pfeifenrauchers. Mit dem Vermögen, den kleinsten gemeinsamen Nenner zu suchen, gelingt das Differenzieren von Gesellschaft und Gemeinschaft. Die Halbwertszeit des „Pipe“-Hypes und aller dessen hervorgebrachten, gespaltenen Persönlichkeiten scheint endlich erreicht worden zu sein. Die meisten Mutationen werden nicht überdauern und die natürliche Selektion wird die still gewordenen Beobachter und Denker zurückführen. Gelassenheit ist das vererbte Merkmal des toleranten Pfeifenrauchers und damit müssen wir nur noch ein kleines Bisschen aushalten. – Hoffentlich.
Guten Rauch!

Gastautor: Christian Meesters