Willkommen bei Jogi-wan...

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Sonntag, 4. Dezember 2016

Mein Dänemark!

Gepackt hat es mich 1980. Wenn Du zu der Zeit was sein und werden wolltest, bei der Pfeife, musstest Du englisch sein. Name, Verpackung, Dekoration… alles englisch. Egal, ob aus Castrop-Rauxel oder Leupoldsgrün… Dein Produkt brauchte den Bezug zur Insel. Schottisch ging auch noch, irisch war auch ok… sonst nichts. Mit Bärenfell bemützte Plastiksoldaten hielten die Fahne der Landshuter Tabake oben und Mc Lintock kam nicht aus Dublin, sondern aus Berlin. Alle wussten das, doch jeder fand es normal. Wenn dann gar Kraut oder Pfeife WIRKLICH von der Insel kam, wie bei Dunhill oder Murrays…. tja, dann stand der deutsche Pfeifenraucher stramm. „Nightcap“, „Erinmore“… diese Namen sorgten für tiefste Ehrfurcht und blanke Verzückung. Die Straßenköter aus deutschen Landen schmückten sich bevorzugt mit güldenen Schriftzügen und Krönchen, um das Manko der Herkunft wenigstens etwas auszugleichen. So saß man daheim, zwischen Eiche brutal und orientalischem Fransenteppich, und fühlte sich britischer, als der britischste Brite!


und mitten in die Idylle knallten SIE! Schmucklose Druckdeckeldosen, umwickelt mit braunem „Packpapier“ und in Schreibschrift verfasstem Namen. Larsen stand da… überhaupt nicht britisch… und solche Sachen, wie „No.4 Loose Leaf“ oder „No.50 Light Sweet“. Na wenigstens englische Begriffe, aber sonst? Keine Krönchen, nicht gülden, kein Sermon über „echt englisch“ und „englische Tradition“… nichts, nada! Diese Dosen stampften einfach selbstbewusst mit den Füßen auf und stellten sich mitten in den Laden - oh Gott! Ignoriert sie, das kann doch nicht wahr sein, was will der moderne Kram hier… der „Exclusiv-Soldat“ verlor kurz die Haltung und blinzelte.


Für uns junge Pfeifendachse war das ein Trompetenstoß… eine Revolution in Packpapier und Schreibschrift. Klar holte ich mir eine Dose bei Zander, den „No.50 Light Sweet“. Als ich daheim mit zittriger Hand den Deckel aufploppte und die erste Nase nahm, wusste ich, dass ich verloren bin. But-ter-plätz-chen… Ka-ra-mell, sauuuuulecker! …und das Tabakbild… grob, eine Symphonie in Brauntönen, wie selbst geschnitten – herrlich! Andere Kumpel kauften andere Larsens… den „No.4“, den 32er, den 80er… wir probierten gegenseitig und schwelgten in nie zuvor gekannten Genüssen! Klar gab es damals schon dänische Mischungen, doch die Riege der alten Herren hatte erfolgreich verhindert, dass sie uns Jungspunden auffielen. Mein Vater wetterte über den „dänischen Süßkram“ und zog echauffiert an seinem „Kiepenkerl Altgold“. Er bereute sicherlich auch, mir kurz vorher noch eine Dose „Royal Niemeyer Scottish Blend“ überlassen zu haben.


Ja, und was nun? Jetzt pilgern die jungen Leute nicht nur zu diesem komischen Schwedeneinrichter (IKEA in Deutschland. Das war für meine Eltern der Untergang deutscher Möbelkultur, ein zweiter D-Day!) und essen Knäckebrot… jetzt infiltrieren die Skandinavier sogar den heiligen, britischen Pfeifenmarkt deutscher Nationen! Von dieser Zeit an gingen mein Vater und ich (zunächst nur pfeifentechnisch!) getrennte Wege… und ich wurde ein Dänen-Junkie. Die Larsens, zu denen noch der „Carolina Flowers“ aus gleichem Hause kam, die „Chiefs Own-Serie“, „Sweet Dublin“, Orlik „Club Mixture“, später die „My own Blend“-Serie aus dem Hause Olsen… ich habe sie alle geliebt. Heiß und fettig! Aus dieser Zeit stammt wohl auch meine Leidenschaft für Pfeifen mit größeren Köpfen, meine Liebe zu Stanwell, Karl Erik, Jorgen L., Svendborg und Jensen. Später kamen bei den Pfeifen noch einige deutsche und besonders italienische Marken hinzu, die ich in mein Nachtgebet einschloss, bei den Tabaken entdeckte ich irgendwann auch den Perique und fette Burleys… ganz tief drin ist mein Herz aber wohl rot-weiß geblieben.


Tja, und heute…? Der Markt hat sich gewandelt. Aus angeblicher Zeitknappheit und Gelegenheitsmangel sind die angesagten Pfeifen kleiner geworden, bei Tabaken wird gern nach dem Extrem gesucht. Die englische Fraktion ist groß geblieben, hat mich mit ihrem nahöstlichen Würzkraut aber nie einfangen können. Die Puristen, die nichts außer Tabak schmecken möchten, sind auch reichlich vertreten… und die aromatisierten Tabake ? Gönnen Sie mir ein paar böse Sätze!

Ob man die Erfindung des schaumig-schwarzen Aromafrachters Black Cavendish nun für einen Fluch oder einen Segen hält, muss jeder selbst entscheiden. Maßvoll verwendet machen seine Eigenschaften auch durchaus Sinn. In vielen Mixturen wird er aber mit der Bauschaufel eingebracht. Ja, auch, weil viele „Aromatenfans“ Angst haben, außer Buttermilch-Nougat-Sahnehering-Trüffel auch noch Tabak zu schmecken. In der Hauptsache aber, weil sich mit ihm fix und billig Aromaten zusammen stricken lassen, die beim Öffnen für eine nasologische Reizüberflutung sorgen, nach der Hälfte aber wie Opa Herrmanns alte Wehrmachts-Decke schmecken. So rennen die einen Raucher immer neuen Aroma-Überflashs entgegen, während sich die andere Gruppe mit Grausen von den Aromaten abwendet.


Bei den, noch existenten, klassischen Dänen geht es leiser zu, sanfter. Hier finden sich Hickory-Karamell-Honig- und Fruchtaromen eher dezent eingebracht, teilweise nur minimal dosiert. In jedem Fall aber so, dass dem Tabakaroma entsprechend Raum gelassen wird. Darauf muss man sich einlassen (wollen) und es bedingt, dass für die Produktion solcher Mischungen Tabake Verwendung finden müssen, die in ihrer Qualität auch ohne übertünchenden Aroma-Mantel Bestand haben . Ja, ein guter Däne ist eine Kunst, die beim Raucher beinahe in Vergessenheit geriet. In letzter Zeit erfreuen sich aber Tabake , wie die Larsens, die es zum größten Teil immer noch gibt, der Stanwell „Jubilee“, DTM's „Gold of Mysore“ u.a.wieder größerer Beliebtheit… wohl, weil man sich an ihnen nicht so schnell leid raucht, wie am Heer der Hocharomaten, trotzdem aber den „süßen Zahn“ füttern kann. Es kommen sogar interessante Neukreationen dazu, wie etwas der „16/5“ von Tom Darasz aus Kiel oder die hauseigene Neuauflage des „My own Blend 44“ durch Tabak Zander in Wuppertal.

Vielleicht sind Sie auch so ein alter Pfeifenzausel wie ich und haben Spaß daran, diese Tabake mal wieder zu entdecken… oder Sie sind ein Youngster, der seinen Tabakweg noch sucht… auch dann lege ich Ihnen die eleganten Dänen ans Herz. Voller Überzeugung, aber nicht mehr mit dem revolutionären Gefühl von einst. Schließlich ist selbst IKEA längst Establishment

Ihr Ralligruftie


Autor: Ralf Dings

Kommentare:

  1. Sehr schön geschrieben.

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  2. Herrlich, dass macht diesen Blog einfach aus.

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  3. Super Beitrag, schön zu lesen.
    Danke Ralf

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  4. Lieber Ralf,
    wirklich ein schöner Text, der mich in die (für mich) "graue Vorzeit" des Pfeiferauchens zurückführt, was mich als historisch Interessierten immer besonders fasziniert, aber auch Entwicklungen bis in unsere Zeit ein bisschen erhelkt, und gleichzeitig Kist macht, bestimmte Tabake auszuprobieren.
    Vielen Dank!
    Viele Grüße aus München,
    Peter

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  5. Das wohl formulierte und angenehm zu lesende Content Marketing findet seinen Höhepunkt in der gustatorischen Aufforderung, die im letzten Satz des vorletzten Absatz aufgezählten Tabake zu verkomsumieren. Nostalgische Blicke eines Pfeifen Connoisseurs entfesseln kultivierte Retrogelüste, die die von ihm auserwählte Tabaksversorger protegieren.

    Mit offenen Visier und zwinkernden Auge grüßt der Phileas

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  6. DER BEITRAG SPRICHT MIR AUS DER SEELE!

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