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Samstag, 4. Juni 2016

Kolumne: Das Gras wächst lauter!


Nein, es ist kein Pfeifen im dunklen Keller mehr. Es ist auch nicht mehr nötig, das Ohr ans Gras zu legen, um es wachsen zu hören. In der Pfeifenwelt tut sich etwas und die Anzeichen werden sichtbarer. Was zur Zeit mit der Pfeife geschieht, hat viel Ähnlichkeit mit dem „Vinyl-Wunder“. 1984 kam die CD und eroberte den Musikwiedergabemarkt im Sturm. Über Nacht war die Silberscheibe in aller Munde und sie verdrängte ihre Scheibenschwester aus Vinyl über Nacht. Niemand gab mehr einen Pfifferling um die runden Dinger mit den Rillen. Weg damit, es lebe der einfachere und bessere (?) Fortschritt. Niemand…? Pustekuchen! Ein kleiner, aber verschworener Haufen Individualisten, hielt der LP und ihren Wiedergabegeräten die Stange und wurde nicht müde, ihre Qualitäten (bei ordentlicher Handhabung) zu loben.


Anfangs belächelt, als verschrobene, ewig gestrige Wunderlinge, setzen diese Überzeugungstäter die Samenkörner für ein wiederkehrendes Interesse. Junge Individualisten wuchsen nach, ließen sich anstecken, widerstanden dem angeblich alles wissenden Mainstream. Die Vinylszene wuchs und wuchs… bis auf eine Höhe, die auch clevere Geschäftsleute nicht mehr übersehen konnten. Es entstand tatsächlich auch wieder eine Händlerschaft rund um Platten und Geräte. Klein, aber gesund, ist heute der Stamm der Plattenfreunde und ebenfalls der Stamm der Leute, die mit viel Herzblut und Engagement, von dieser Subkultur leben können.

Warum ich das alles erzähle? Augen auf… der Pfeife beginnt es ähnlich zu gehen. Junge Pfeifenraucher wachsen in erstaunlicher Zahl nach. Qualitätsbewusst, anspruchsvoll, an der Tradition orientiert, die wunderbaren Seiten der Pfeife zelebrierend… und (hier gehen die Ohren der Händler und Produzenten auf) sehr wohl mit dem Willen und der Möglichkeit versehen, Geld auszugeben! Die gestrige, verschrobene und ältlich angestaubt wirkende Pfeifenwelt wird plötzlich von einer aufgehenden Sonne beschienen und frischer Wind pustet den Muff aus den Regalen und Vitrinen.

Ja, es ist anders, als früher. Es ist auch Lifestyle, optisch betonte Abgrenzung zur Masse, der Wunsch nach besonderen Genussformen. Pfeifenraucher sind heute auch gern mal Hipster, Jungdynamiker und Vorzeigeakademiker. Die Pfeife muss oft zum Schal und/oder Tweedsakko passen… na und? Wer heilt, hat Recht. Jede Zeit und jeder Jeck ist anders.


Auch, wenn die wieder erstarkende Handelsszene um diesen Trend manche Absurdität entwickelt - das regelt die zunehmende Erfahrung der Nachwuchsraucher und so letztlich der Markt. Was aber letztlich ALLEN Pfeifenfreunden zugute kommt, ist das wieder erwachende Interesse an dieser Rauchergruppe. Nicht nur Zigarre, Zigarre, Zigarre… die Pfeife rückt auch wieder ins Licht. Erstklassige Händlerschaft bemüht sich wieder mit Ideen und Aktionen, Produzenten und Macher bekommen Rückenwind. Nein, das tun die nicht aus Nächstenliebe, sie tun es um Geld zu verdienen. DAS ist aber nun einmal der Sinn eines Geschäftes und somit nicht verwerflich!

Sollen sich doch die ganz großen Mainstreamer abwenden… wen juckt das? Das „gallische Dorf“, bewohnt von kleinen, individuellen Manufakturen wächst ständig und kräftigt sich. Eine gesunde, kleine Welt entsteht. Flankiert von bedeutenden Händlern, die klug genug sind, Augen und Ohren aufzusperren und von traditionell der Pfeife verbundenen Produzenten, wie Dan Tobacco oder Vauen. Vielleicht ändert sich der ganze Marktablauf. Vielleicht haben wir bald Pfeifenparties im „Tupperstil“, auf denen kleine Anbieter ihre Tabake und Pfeifen präsentieren und wo wir, ungestört von der größenwahnsinnigen Obrigkeit, unser Pfeifchen schmauchen können. Vielleicht schaffen wir es ja auch, dass Direktvermarkter-Veranstaltungen, wie Lohmar oder Speyer, MIT dem Handel arbeiten können und man sich nicht gegenseitig feindlich betrachtet!


Was spricht gegen diese Modelle? Machen wir doch mal was anderes, lernen wir neue Wege kennen. Phantasie, Beweglichkeit und Zusammenhalt sind gefragt… auf geht's! Schluss jetzt mit der Heulerei um immer verschärftere Gesetze. Schluss mit dem beleidigten Gemopper („Jahrelang haben sie sich nicht um die Pfeife gekümmert. Jetzt, wo's was zu verdienen gibt, sind sie wieder da! Phhh!“). Schluss auch mit dem dämlichen Kastendenken. Wer interessiert sich für Doktorentitel, Brieftaschendicke und soziale Herkunft? Nehmen wir den dünkelhaften Heckenschützen, die sich, als Pfeifenraucher, immer noch für was besseres halten, doch einfach die Knarre weg und schicken sie in die Wüste… mag sein, dass sie zurück kommen und mitmachen wollen… wäre doch schön!

Teile von diesem Artikel haben sich bei mir schon einmal ganz anders angehört? Stimmt, doch was kümmert mich mein dummes Geschwätz von gestern? Die Zeichen sind da, Leute mit Geld und Sachverstand sind da, ein verdammt guter Nachwuchs ist da… wir packen das. Wir werden so eine Art Distel, die durch ihre Widerstandsfähigkeit auch auf kargem Boden fröhlich und in sattem Grün vor sich hin wächst und gedeiht weil sie zwar klein ist - aber pumperlg'sund! Die Pfeife stirbt aus? Nein, das tut sie nicht! Wer aufmerksam hinsieht, hat es längst bemerkt.


Ihr Ralligruftie


Autor: Ralf Dings


Kommentare:

  1. Moin Ralf!

    Ein sehr guter Artikel, der in vollem Umfang meine Zustimmung findet. Eben, warum denn keine Tupper-, äh Pfeifen-Veranstaltungen? Bei den Zigarren ist es doch schon längst Usus, das die Macher und Vertriebler zum Händler tingeln und dort, im kleinen Rahmen, ihre Produkte an den/die Mann/Frau bringen. Da sind dann auch die Händler gefragt, mal etwas mehr in Aktion zu treten. Das Interesse seitens der Kunden ist mMn. da. Einige machen es ja schon.

    have fun
    Mario

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  2. Hallo Ralf,
    schöne Kolumne, aber Du gehst mit keinem Wort darauf ein, dass beim Tabakvertrieb seit ein paar Tagen dramatische Kennzeichnungsverbote Einzug gehalten haben. Ich fürchte, das wird die schöne neue Pfeifenwelt langfristig ganz schön einbremsen. Deshalb kann ich als Realist Deine Weichzeichnung nicht ganz nachvollziehen, so schön sie auch wäre. Georg.

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    1. Moin Georg,
      der TPD 2 habe ich schon eine ganze Kolumne gewidmet- einmal reicht...und nein, auch sie wird den wachsenden Pfeifenmarkt nicht bremsen. Von Weichzeichnung kann übrigens keine Rede sein. Der Zuwachs beruht auf nackten Zahlen und erklärt sich durch viele Gespräche.
      Das wird...
      Lieben Gruß, RALF

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    2. Hallo Ralf,
      ... sind denn beim zahlenmäßigen Zuwachs die Shisha-Raucher schon abgezogen oder gehören die auch zu "uns" :-)). Trotzdem scheint ja noch Hoffnung zu bestehen. Jetzt wäre nur noch zu wünschen, dass auch die Volksvertreter wieder Pfeife rauchen. Leute, wählt Pfeifenraucher!
      Schöne Grüße, Georg

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  3. Gras ist eine Droge.

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