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Montag, 31. August 2015

Buchvorstellung: Jacob/ Dworok (Hrsg.) "Tabak und Gesellschaft "

Wussten Sie eigentlich, dass der Begriff des "passiven Rauchens" keiner jüngeren, wissenschaftlichen Forschung entstammt? Geschaffen wurde er vom Mediziner Fritz Lickint, der 1936 in Lohn und Brot des NS-Regimes stehend, argumentative "Munition" für die Anti-Raucher-Propaganda der Nazis schaffen sollte. Interessant, oder? Ebenso interessant, wie auch beruhigend, ist die Erkenntnis, dass die heutige Hetze auf Raucher noch ausgesprochen human ist. Hätten Sie gedacht, dass man Ihnen als Raucher im Russland des 17. Jahrhunderts die Nase abgeschnitten hätte... oder Sie zumindest nach Sibirien deportiert worden wären?

Glauben Sie, dass die Bahn mit der Abschaffung der Raucherwaggons und dem Rauchverbot auf Bahnsteigen ein geltendes Gesetz befolgt? Dachte ich auch, doch dieses Gesetz gibt es nicht! Das geschah rein auf politischen Druck.


Als ich dieses Buch zum ersten Mal in den Händen hielt, war mir ein wenig bange vor allzu wissenschaftlicher Kost. Schließlich erschien es in der Reihe: "Wissen über Waren - Historische Studien zu Nahrungs- und Genussmitteln." Ja, in der Tat... im Buch erscheint der Tabak häufig als Genussmittel. (Ich bin mir gar nicht sicher, ob man das in diesem Land noch straffrei schreiben darf.)


Die Wahrheit ist, dass Frank Jacob und Gerrit Dworok hier eine namhafte und fachlich bestens beleumundete Gruppe von Autoren zusammen gebracht haben, die aus unterschiedlichen Blickwinkeln und mit völlig verschiedenen Ansätzen eine spannende und interessante Beleuchtung tabakhistorischer Entwicklungen zusammen fassen. Das reicht von hochspezifischen Aufsätzen zur Entwicklung des Schnupftabaks (Jörg Pannier) über die Bedeutung des Rauches in der Kunst bis zur Betrachtung sozialer und politischer Entwicklung im Zusammenhang mit der Industrialisierung der Tabakwarenproduktion. So liest sich z.B. der Aufsatz über den Einfluss der Tabakfabrik Fürstenfeld (Steiermark) von Elisabeth Schöggl-Ernst fesselnd, wie ein Krimi.

Und selbst profan erscheinende Themen, wie die Geschichte der Sammelbilder in Zigarettenpackungen, bekommen einen ganz speziellen Reiz, werden sie mit Blick auf den Nutzen für politische Propaganda beleuchtet.

Dieses Buch ist angefüllt mit "Aha-Erlebnissen" (siehe Artikelbeginn) und sorgt beim Lesen gern mal für einen vor Staunen geöffneten Mund!


Nein, eine leichte Lektüre ist dieses Werk sicher nicht. Wenn Sie mit grobem Wissen um oben genannte Zusammenhänge zufrieden sind und andere Prioritäten setzen, sparen Sie sich Geld und Zeit. Sind Sie aber interessiert an geschichtlicher Entwicklung, an Hintergrundwissen rund um den Tabak und reizt es Sie, den Begriff "Tabakkultur" noch ein wenig besser zu verstehen, kann ich Ihnen dieses Buch nur ans Herz legen.


Kommen wir zum Haken dieses, wirklich leckeren und ausgesuchten Köders und zum ständigen Ärgernis bei wissenschaftlichen Büchern... kommen wir zum Preis. Gern wird bei solcher Gelegenheit ahnungslos auf die Verlage eingeprügelt. Das sich NOMOS an diesem Buch eine goldene Nase verdient, darf aber zumindest bezweifelt werden. Solche Bücher erscheinen für gewöhnlich nur in kleinen Auflagen und die Autoren werden ihr Wissen auch nicht kostenlos dem Allgemeinwohl zur Verfügung gestellt haben. 78 Euro sind trotzdem eine dicke Kröte, die man (an normale Buchpreise gewöhnt) nur schwer hinunter bekommt. Vielleicht sollten Freundeskreise und/oder Pfeifenstammtische über die gemeinsame Anschaffung eines Exemplars nachdenken. Das hält den Preisschmerz in Grenzen und der Inhalt des Buches ist nicht so tagesaktuell, dass man es sofort und als Erster lesen müsste. Fest steht aber, dass sich der Inhalt lohnt... am besten zusammen mit einer delikaten Pfeife und einem guten Gläschen genossen!


Ihr Ralligruftie




Autor: Ralf Dings

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