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Sonntag, 5. Juli 2015

"Beer Creativ - Pfeifenstopfer Racer R 66" - der bessere Tsuge?

Ist dies ein Luxusartikel? Klare Antwort: nein! Diese Antwort lässt sich leicht begründen. Jeder unter Ihnen, der beruflich oder aus Hobbygründen mit Werkzeug zu tun hat, kennt das frustrierende Gefühl, mit schlechtem Material zu hantieren - es nervt ganz einfach! ...und auch, wenn wir kein Vogelhäuschen bauen, sondern eine Pfeife nachstopfen wollen - dieses Gefühl stört auch bei unserer Leidenschaft. Es abzustellen ist kein Luxus. Darüber hinaus macht es wenig Sinn, mit einem "Tschechen-Fan" die Existenzberechtigung solchen Pfeifenwerkzeugs zu diskutieren. Ein Stück weit ist es auch Anschauung, ist es auch der Wunsch, Pfeife zu zelebrieren, ist es auch einfach die Freude an der Schönheit. Die oben schon erwähnte Leidenschaft fragt nicht nach sachlichen, profanen Begründungen.

Der "R 66" ist in seiner Form nicht neu. Das gab und gibt es schon, bekannt geworden als der "Tsuge-Stopfer", der aber in jüngerer Zeit auch unter der "Rattrays"-Flagge segelt. Der „Racer“ von Beer Creativ sollte als Weiterentwicklung dieses Stopfertyps gesehen werden.
Oder anders gesagt: als zu Ende gedachte Variante.

Vor rund 18 Monaten begann ich zeitgleich, beide Stopfer, also Tsuge und Beer, in Betrieb zu nehmen. Beide hatten etwa gleichen Nutzungsanteil, beide wurden nicht geschont. Nun ist es an der Zeit zu vergleichen... und zu überprüfen, ob der Beer-Stopfer seinen mehr als doppelt so hohen Anschaffungspreis rechtfertigen kann.


Die konkave Stopferplatte des Tsuge war seinerzeit eine echte Neuheit. Vornehmlich wurde damit argumentiert, dass die Platte so weniger verschmutze, bzw. leichter zu reinigen sei. Ziel erreicht, es setzt sich auf Dauer weniger komprimierte Asche auf der Fläche fest, sie ist mit einem Zellstofftuch und etwas Wasser stets wieder gut zu reinigen. Gleiches gilt für die Stopferfläche des Beer. Sie wurde etwas anders geformt, in der Hoffnung, den Verschmutzungsgrad noch weiter senken zu können, bietet aber in der Praxis keine zusätzlichen Vorteile.

Der Tsuge ist mit verschiedenen Mustern auf dem Korpus zu haben. Sein etwa bleistiftdicker Körper bietet eine recht gute Haptik, bei trockenen Fingern wird es aber schnell etwas rutschig. Ab und an musste er doch vom Boden aufgelesen werden. Ein Effekt, der sich bei kalten, klammen Händen noch verstärkt.


Hier erweisen sich die alle 6 mm um die Hülse montierten O-Ringe des Beer als genialer Trick. Die Gummis lassen den „Racer“ förmlich an den Fingern haften und sorgen für ein wunderbares Feingefühl und etwas mehr Umfang. Gerade der haptische Eindruck eines Stopfers ist so schwer zu erklären... und gibt doch oft den entscheidenden Ausschlag.

Der wesentliche Unterschied ist aber am oberen Ende des Stopfers zu finden. Tsuge verschraubt seinen Dorn, der vor allem eines ist: zu kurz! Mit 58 mm Länge reicht er bei längeren Pfeifen nicht aus, um z.B. einen vorwitzigen Tabakkrümel vorm Zugloch zu entfernen - Ziel des Werkzeugs verfehlt. Aufgrund seiner ausgeklügelten und komplizierten Innenkonstruktion schafft Beer es, hier einen 3 mm-Dorn mit 70(!) mm Länge unterzubringen. DAS reicht eigentlich für alle Fälle und fährt die volle Punktzahl ein.

Zudem ist es das Geheimnis der Tsuge-Konstrukteure, warum die Spitze flach ausgeformt wurde und sich so (durch deutlich dünneres Material) bei rauherem Umgang gern mal verbiegt.


Zusätzlich punktet der Beer mit einem Magneten, der den Dorn an seiner Position hält. Er ermöglicht die einhändige Bedienung des Werkzeuges und ist deutlich praktischer, als den Dorn jedes Mal ein- und ausschrauben zu müssen... auch Bequemlichkeit kann schön sein. Wer glaubt, dass der verwendete Magnet mit der Zeit oder durch Verschmutzung an Haftung verliert und so nicht mehr zuverlässig hält, kann beruhigt sein. Selbst böswillige Versuche, den Dorn nach der bisherigen Nutzungszeit hinaus zu schleudern, quittiert der Magnetring mit stoischer Haftkraft.


Bei der Verarbeitung scheiden sich endgültig die Geister. Die Rhodinierung der schicken Tsugehülle weist mittlerweile viele kupferfarbene Flecken auf. Das ist zwar nicht tragisch, aber hässlich. Sein aufgebrachtes Muster indes hat die 18-monatige Nutzung gut überstanden. Der Dorn musste zwischenzeitlich mit Loctite daran gehindert werden, sich immer wieder vom Griff zu lösen, Gehäuse und Fuß müssen immer mal wieder nachgezogen werden, damit alles wackelfrei sitzt. Gesamtzustand: Funktionsfähig mit starken Gebrauchsspuren.

Weder die Aluminiumhülse, noch die Gummiringe und auch die verwendeten Stahlteile des Beer weisen nennenswerte Gebrauchsspuren auf. Ihn darf man getrost als neuwertig bezeichnen. Hier klappert und löst sich nichts, die verwendeten Bauteile strahlen, wie am ersten Tag - das macht Spaß!


Fazit: Die beiden Stopfer sind sich nur auf den ersten Blick und von außen recht ähnlich. Bei den inneren Werten und der Langzeitqualität hat der Beer`sche "Racer 66" eindeutig die Nase vorn. Rechtfertigt das nun seinen Preis von 66 Euro? Wenn sie Wert auf dauerhafte Anschaffungen legen, sicher. Zumal man den „Racer“ ob seiner handgefertigten Qualität mindestens auf gleicher Ebene mit Stopfern von Dunhill (88 Euro), Davidoff (140 Euro) und Sillems (90-200 Euro) sehen muss und er in diesem Umfeld geradezu ein Sonderangebot darstellt. Mein Tsuge tritt jedenfalls den Weg in die Schachtel mit den Reservestopfern an und überlässt das Feld gänzlich dem „Racer“ von Beer Creativ. Das Bessere ist halt immer noch der Feind des Guten!


Ihr Ralligruftie



Autor: Ralf Dings

Kommentare:

  1. Ein schöner Artikel. Allerdings lässt er eine wichtige frage unbeantwortet: was können diese Pfeifenstopfer besser als solche unter € 66.- aufwärts?
    Darüber hinaus wundere ich mich: Sie sind doch Motorradfahrer, wieso verwenden sie nicht schon seit jeher ein ausgebautes und hochpoliertes Ventil?
    Ich habe bei meinem den Schaft hohl gebohrt und darin eine silbern Adel als Dorn versteckt. Die kosten waren marginal, aber die Eleganz und Verarbeitung sind höchstwertig, solange man niemandem die Herkunft aufs Auge drückt ;)

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    1. Nun, vielleicht mag ich solche Stopfer aus den gleichen Gründen, aus denen ich klassische Motorräder mag. Die Ästhetik hochwertiger Materialien im Zusammenhang mit hohem, technischen Niveau. Keine gesichtslose Massenware, sondern konstruierte Charaktere, die es dem technisch Interessierten erlauben, sich mit ihnen ein Stück weit zu identifizieren.
      In dem Zusammenhang gefällt mir auch die "Ventil-Idee". Ich denke, auch Werkzeuge müssen sich nicht ausschließlich über ihren Nutzen definieren.
      Lieben Gruß Ralf

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    2. Ja, Ihr erster Absatz erklärt es mit wunderbaren Worten. Ich verstehe: die Leidenschaft. Ja das macht immer Sinn ;)
      Kurz zu den Ventilen: manche von ihnen haben geradezu atemberaubend schöne Proportionen und kurven. Bei Gelegenheit zuschlagen!
      Meines bekommt nach diesem Artikel ein Upgrade und zwar Nute für O-Ringe, sowie die seit Jahrzehnten versprochene hülle – man ist ja zugegebener Maßen träge …

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