Willkommen bei Jogi-wan...

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Mittwoch, 17. Juni 2015

Entspannung ist wichtig- auch für Tabak!

Die Messe in Lohmar brachte mich in diesem Jahr in den Besitz eines unerwarteten Schatzes. Bastian Hirschfeld vermachte mir eine original verschlossene Vollmetall-Dose "Mac Baren Plumcake". Sofort einsetzende Spekulationen über das Alter der Dose brachten letztlich keinen Aufschluss. Der Preis konnte nicht als Anhaltspunkt dienen, da es sich um eine 240 Gramm-Dose mit dänischer Preisauszeichnung handelt. Einzig, das Design des Schriftzuges ließ einen Kenner das Alter auf "rund 30 Jahre" schätzen. In jedem Fall ist der Inhalt alt genug, um mir bei der Beantwortung einer Frage zu helfen, die mich schon lange beschäftigt.



Ja, der Plumcake ist aromatisiert. Etwas Pflaume und Rum runden ihn ab. Deshalb ist er aber noch lange kein Aromat... der Tabakgeschmack aus Virginias, Burley, etwas Cavendish und einer homöopathischen Dosis Latakia behält stets die Oberhand. Die Frage lautet: Sind lange gelagerte, naturnahe Tabake automatisch besser, runder, satter... und damit wertvoll genug, zum Teil horrende Summen dafür zu bezahlen?

Diese Meinung wird ja nun gern und im Brustton der Überzeugung vertreten. Hier greift aber oft die allgemeine Gleichung „alt = wertvoll“, und es sind selten fachliche Argumente, die diese Gleichung untermauern. Die Gegenseite, bestehend auch aus Tabak-Experten, ist da zum Teil gänzlich anderer Ansicht. Am gewagtesten ist die Theorie, gepresst alternder Tabak reife zwar, sei dann geschmacklich aber tot. Doch Theorie ist grau, das weiß man ja. Deswegen öffnen wir die Dose... um etwas Farbe in die Diskussion zu bringen.


Nach Entfernung des Deckels präsentiert sich ein gepresster Klumpen dunkelster Farbe, den man aus der Dose nehmen kann, als sei das Kraut betoniert. Ein Zeichen dafür, dass das Vakuum immer noch Bestand hat. Nur so nebenbei...s elbst die Folie war in alter Zeit noch schussfest. Einfach aufreißen ist nicht - hier muss tatsächlich die Schere helfen. Schon der erste Dufttest offenbart Überraschungen. Ein frischer Plumcake hat deutlich wahrnehmbare Noten von Pflaume und Rum... und wer genau hin riecht, entdeckt auch die Spur Latakia recht schnell. Dazu kommt eine nussige Kakaonote der Burleys und sanfter Heugeruch der Virginias.

Bei dieser Dose bleibt zunächst nur ein Duft übrig... der aber sehr massiv und tief. Man fühlt sich, wie in einem Heuschober und könnte meinen, puren, stark gereiften Virginia vor sich zu haben. Nicht einmal der sonst gern einmal vorwitzige Latakia ist feststellbar. Hm... gab's den vielleicht in älteren Plumcake-Rezepten gar nicht? Unsinn, sagt der Fachmann... der war immer drin. Hier fragt man sich dann aber, wo er sich versteckt hat. Dann suchen wir mal, in dem wir eine großzügige Portion in einer Nielsen versenken. Schließlich geht es um Pfeife rauchen... nicht Pfeife riechen. Lustig übrigens, mit welch' ungeplanter Ehrfurcht man dabei zur Sache geht... wie gesagt, die alte Gleichung, siehe oben!

Puh! Also, diese scharfe, ätherische Note kenne ich aber sonst vom "Plumi" nicht, sie verschwindet zum Glück aber auch nach ein paar Zügen... und übrig bleibt genau das, was man auch riecht. Virginia, satt und voll, blumig und reif... der hat deutlich an Oechsle-Grad zugelegt. Lecker, zugegeben... aber ziemlich wenig, vergleicht man den Geschmack eines frischen Plumcake.... keine Ahnung von Rum oder Pflaume, und der Latakia hält sich immer noch bestens versteckt. Enttäuscht? Nein, nicht wirklich... eher überrascht. Von der immer noch guten Kondition des Tabaks und von seiner grundsätzlichen, charakterlichen Veränderung.


Nun hat der Verfechter der lockeren Tabak-Verpackung und des geschmacklichen Todes gepresster Mixtures eine (für mich ebenso immer noch theoretische) Lösung parat. Verpackt man diesen Tabak in aufgelockerter Form mit ordentlich Platz und gut abgedichtet neu und lässt ihn ruhen, erholt er sich. Aha?! Jetzt wird der kleine Alfred Wegener in mir wach. Dann forschen wir doch mal... und zwar gründlich. Ich habe den Plumcake nun vor 25 Tagen neu verpackt... und dabei gedrittelt. Ein Drittel wurde weiterhin gepresst verpackt, ein Drittel leicht gelockert und ein Drittel sehr sorgfältig gelockert und mit viel Platz versehen. Die Tupperware-Dosen zur Lagerung sind identisch. An dieser Stelle Dank an meine Frau für die selbstlose Unterstützung aus dem Küchenschrank. Was sind Forscher ohne Protektion?


Heute war dann Rauchtest aller drei Varianten.... mit dem Ergebnis, dass die gepresste Unterbringung schnellstens geändert wurde. Der so untergebrachte Plumcake hat nicht den Hauch einer Steigerung erfahren. Er ist immer noch eindimensional heuig... und diese eigenartige, wie Ammoniak wirkende Note hat sich noch verschlimmert - geht gar nicht! Der locker und mit viel Platz in der Dose gelagerte Teil hingegen entfaltet sich zusehends. Zwar ist auch hier die irritierende Schärfe zu Beginn der Füllung noch feststellbar, hat sich aber deutlich abgeschwächt. Dafür ist die obstige Note ebenso zurück gekehrt, wie eine würzige Rauchigkeit, die auch dem frischen Plumcake zu eigen ist. Allerdings hat diese gealterte Version noch eine gute Portion Kraft und Deftigkeit zugelegt. Jetzt nimmt man ihm zweifelsfrei ab, dass er an den Salz- und Teergeruch des Meeres und der alten Windjammer erinnern soll. So wäre er sicher nichts für Leichtraucher... mir hingegen zaubert der "Old-Plumi" ein Lächeln aufs Gesicht.

Bis hierher wollte ich von meinem Experiment berichten. Sollten sich mit der Zeit noch weitere Veränderungen einstellen, trage ich die selbstverständlich nach. Meine Überlegungen beim Genuss der weiteren Füllung und die Ergebnisse dieses Experiments kommen zu einem provokanten Fazit.


Es ist für Tabak wohl eher kontraproduktiv, in gepresster Form verpackt zu werden. Ursprünglich hatte ich die Information, dass gepresst verpackte Kräuter nachreifen und man deshalb Mischungen, die das NICHT tun sollen, locker verpackt. Das mag ich, nach jetzigem Erfahrungsstand, so nicht stehen lassen. Es mag schon sein, dass dieser „Plumcake“ durch die gepresste Verpackung nach gereift ist - dabei hat er sich aber nicht zu seinem Vorteil verändert. Zu altem Glanz und wuchtig-reifer Geschmacksentwicklung kam er erst, nachdem man ihm druckfrei und gelockert drei Wochen Zeit zur Entfaltung gab.

Würde ich denn nun für das Geschmackserlebnis eine, meist nicht unerhebliche Stange Geld ausgeben? Nein... ich kann auch durch geschickte Lagerung frisch erstandener Tabake einiges mehr aus solchen Kräutern heraus kitzeln... ohne ein Vielfaches des ehemaligen Kaufpreises investieren zu müssen. MEINEM Anspruch genügt das vollkommen. Ich verstehe aber auch Connaisseure, die im Tabak-Aging aufgehen und alte Tabake hüten und lagern, wie es auch die ernsthaften Weinliebhaber mit ihren Tropfen tun.
Doch ähnlich, wie ein guter Roter vor dem Genuss Luft und Ruhe braucht, tut man scheinbar gut daran, auch alte Tabake erst einmal aus ihrem engen, luftdichten Gefängnis zu befreien und ihnen vor dem Rauchvergnügen ausreichend Zeit zur Entfaltung zu geben. Auf drei Wochen kommt es ja nun, nach zwei bis drei Jahrzehnten, auch nicht mehr an! Schön war und ist, dass ich mir auf diesem Weg einige offene Fragen zum Thema „lange gelagerte Tabake“ beantworten konnte. Wieder um eine Erfahrung reicher! ...und das Experiment ist noch nicht zu Ende.

Ihr Ralligruftie



Autor: Ralf Dings

Kommentare:

  1. Vielen Dank für einen weiteren, sehr lesenswerten Beitrag. Das Thema finde ich ganz spannend, wenngleich ich bei den Ergebnissen solcher Tabak-Kellerei ein wenig skeptisch bin. Aber warum sollte man nicht ein wenig experimentieren?

    Ich möchte mir erlauben, kurz von einem halbfreiwilligen Experiment berichten, dass thematisch nicht allzu weit weg ist. Vielleicht interessiert es jemanden.
    Ich habe vor kurzem zufällig eine uralte Dose 'Exclusiv Royal' erstanden, nachdem ich einige - auch Deinen - Bericht dazu gelesen hatte. Die Dose kostete nur 6,25€, musste also schon lange lagern, aber ich nahm sie mit, um mal ein wenig zu experimentieren.
    Anfänglich war er knüppeltrocken und roch nach nix bzw. muffig.
    Nach längerem Befeuchten und anschließender mehrtägiger Lagerung ist der Tabak wieder erstaunlich aromatisch und rauchbar geworden. Er schmeckt mir richtig lecker. Das Tabakbild ist dunkler und (natürlich) saftiger geworden und er riecht wie die Heuböden meiner Kindheit.
    Nun muss ich mal eine neue Dose kaufen, um einen Vergleichtest anstellen zu können, um sagen zu können, ob und wie der Tabak verloren hat oder auch nicht.

    Vielen Dank noch mal auch für die anderen Texte von Dir und nicht zuletzt für die tollen Youtube-Videos, die sehr unterhaltsam und hilfreich sind.

    Schönen Gruß,
    Michael

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  2. Hallo,

    also mM kommt es auf die UrsprünglicheStärke & Geschmack/Aroma an ...
    Bei Zigarren zB ist es nach ~5 bis max. 7 Jahren bei Milderen bis Mittleren Stärke vorbei - wird danach flach und "fad" ...
    Und bei allen anderen Stärken wird es zwar "milder" aber RUNDER bzw. die Qualität nimmt deutlich(!!!) zu ...

    Also 10-15 Jahre (und mehr (???)) funktionieren "nur" bei StarkenTabaken ...
    (auch bei Pfeife!?!)

    Ciao,
    Gerald

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  3. vielen Dank für diesen interessanten und ausführlichen Bericht. Auch ich finde es immer ungeheuer spannend so alte Tabake zu probieren. Immer schwingt auch etwas Erfurcht vor diesen alten Kräutern mit. Ob dieses Agen etwas bringt, weiß ich nicht aber so eine Zeitreise zu unternehmen auf jeden Fall. Viel Spaß beim weiterforschen und rauchen, besten Grüßen, Alexander

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  4. Klasse, wie immer, Ralf.
    Grüße. Horst

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