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Montag, 4. Mai 2015

Warum die Pfeife doch lebendig ist!

Ja, die Pfeife vermittelt vielleicht wie kaum ein anderes Genussmittel das Flair von "Müßiggang" - ein Wort das nicht nur aus dem Sprachgebrauch verschwunden ist, sondern auch aus unserer Ideologie. Mit Ideologie meine ich, in Anlehnung an Slavoj Zizek, die fundamentale Art, wie wir uns unsere Lebenswirklichkeit zu einem sinnvollen, erfahrbaren Ganzen machen. Wenn wir heute an Müßiggang denken, fällt es schwer, uns einen Zeitgenossen bei dieser „Tätigkeit“ vorzustellen. (Die Anführungszeichen deswegen, weil Müßiggang eigentlich das absolute, undenkbar gewordene Gegenteil von Tätigkeit ist.) Uns bleibt nichts anderes übrig, als uns dabei einen Menschen aus dem 19. Jahrhundert vorzustellen, der im Park "flaniert" (um bei den Wörtern zu bleiben, die aus Sprache und Vorstellungskraft verdrängt wurden). Aber wie könnte ein moderner Müßiggänger ausschauen? Am ehesten noch wie ein Pfeifenraucher. Und das meine ich ganz ohne Pathos, wie ich jetzt versuchen will zu zeigen.

Die meisten Formen des Genusses müssen sich immer über einen praktischen Nutzen rechtfertigen: "Joggen ist nicht nur entspannend, sondern verbessert die Leistungsfähigkeit im Alltag!", "Zen Meditation verhilft Ihnen nicht nur zu besserem Wohlbefinden, sondern auch dabei, in Beruf und Privatleben besser zu bestehen!" "Rotwein schmeckt nicht nur gut, in Maßen genossen hilft er auch der Gesundheit!" Genuss als solcher ist nicht zulässig. Er darf nur als Mittel zum Zweck auftreten. Als Förderer der Gesundheit, des ausgeglichenen Privatlebens, des beruflichen Erfolges, etc. Was die Gesellschaft halt gerade vorgibt.

"Die Kinder mögen den Vater nachahmen, der einen Hang zu langen Spaziergängen hatte, aber wenn die Formalisierung der Vernunft weit genug fortgeschritten ist, werden sie meinen, dass sie ihre Pflicht gegenüber ihrem Körper erfüllt haben, wenn sie nach den Kommandos einer Radiostimme einen Gymnastikkurs absolvieren. Ein Spaziergang durch die Landschaft ist nicht mehr notwendig; und so wird er Begriff der Landschaft selbst [...] sinnlos und willkürlich. Die Landschaft verfällt gänzlich zum Touring-Erlebnis." Das schrieb Max Horkheimer in "Zur Kritik der instrumentellen Vernunft", vor einem halben Jahrhundert. Mittlerweile ist die Landschaft nicht mal mehr Touring-Erlebnis, sondern auf sie wird gänzlich verzichtet. Stattdessen rennt man auf einem Laufband, im Licht von Neonröhren und schaut dabei RTL Nachmittagsprogramm. Aber als jemand, der selber gerne Waldlaufen (nicht joggen) geht, muss ich zugeben, dass tatsächlich eine Versuchung besteht, der Pulsuhr und den gelaufenen Kilometern mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als dem erwachenden Frühling. Wir sind eben alle Kinder unserer Zeit. Und die Pfeife kann durchaus helfen, sich zu emanzipieren und ein erwachsenes Verhältnis zu seiner Zeit zu entwickeln.

Denn nachdem der Tabak laut herrschender Ideologie ein absolutes Unding darstellt, lässt sich das Rauchen einer Pfeife nicht mit irgendwelchen „objektiven“ Vorteilen aufrechnen. Auch wenn die Pfeife Entspannung bringt, die gesundheitlichen Nachteile sind immer noch viel, viel größer. Na gut, daraus kann man, in Anlehnung an ein berühmtes Gleichnis von Friedrich Nietzsche, verschiedene Schlussfolgerungen ziehen: Einerseits könnte man sagen, dass man überhaupt nicht rauchen soll. Dann wäre man ein braves Kind seiner Zeit. Oder man könnte versuchen, die Pfeife doch irgendwie zu rechtfertigen („Genuss ist ja auch irgendwie gesund“). Andererseits könnte man auch versuchen, sich in ein erwachsenes Verhältnis zu seiner Zeit zu setzen und sagen: „Die Pfeife ist zwar nicht gesund. Gesundheit ist zwar ein hohes Gut. Aber vielleicht auch nicht das höchste.“ Zweifellos wäre das, wie der Arzt und Theologe Manfred Lütz sagt, ein unglaublicher Fauxpas. Oder, wie Daniel Frey schreibt, „gegen die Verpflichtung zum Leben und für die Leidenschaft zum Leben“.

Aber in einem Punkt möchte ich doch Zweifel anmelden: Ist die Glanzzeit der Pfeife wirklich vorbei? Klar, in wirtschaftlicher Hinsicht vielleicht schon. Heute wird definitiv weniger Pfeife geraucht, als früher. Aber wieso sollte der Erfolg der Pfeife primär in wirtschaftlicher Hinsicht gemessen werden? Gehen wir da nicht schon wieder dem Zeitgeist auf den Leim, der sagt, dass Erfolg in Zahlen aufgeht? Ich sehe heute z.B. auf dem Sektor der Freehandpfeifen unglaublich viele engagierte und kreative Pfeifenmacher. Ob es die in den 60ern auch gab? Ich wage es zu bezweifeln. Ich sehe heute auch viele Pfeifenraucher, die sich viel mit ihrer Leidenschaft auseinandersetzen und bewusst konsumieren, Tabake und Pfeifen nach bestimmten Kriterien auswählen. Ob das früher auch so „ernst“ genommen wurde, wage ich zu bezweifeln. Und ich sehe jede Menge Idealisten unter den Fachhändlern, für die das Thema Pfeife mehr ist, als bloß das, was in der Bilanz rauskommt.

Die Überzeugung, dass die Pfeife ihre Glanzzeiten hinter sich hat, sollte man meiner Ansicht nach überdenken. Wie gesagt, nur weil früher in absoluten Zahlen mehr Pfeife geraucht wurde, heißt das noch lange nicht, dass es damals auch besser war.


Autor: Max Muthsam

Kommentare:

  1. Danke für diesen schönen Artikel. :)

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  2. Großartige Analyse und eine tolle "Standortbestimmung Pfeife". Ja zum Müßiggang, ja zum Genuß - in Maßen, ab und an auch mal in Massen. Die überall angewendete Kosten-Nutzen-Rechnung ist eine gesellschaftliche Krankheit, die gar nicht mehr als solche wahrgenommen wird. Auch mir hat dieser Artikel das erst wieder bewusst gemacht.

    Grüße,
    Jan

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  3. das lustige ist ja dass es schon sehr lange statistiken gibt die belegen dass exklusive zigarren- und pfeifenraucher kaum eine niedrigere lebenserwartung haben als nichtraucher.
    ja, es gibt sogar solche die eine höhere nachweisen, wenn auch diese untersuchung nur seltenst das licht der welt erblicken.

    beispiel:

    Mortality ratios
    Non-Smokers.............. 1,0
    1-2 cigars per day........1,02

    Compared to cigarettes:
    <1 pack................1.46
    1 pack..................1.69
    >1 pack................1.88

    und wenn es statt der sterberate um die rate der gefässerkranungen geht dann sind wir plötzlich gesünder:

    Non-Smokers.............. 1,0
    1-2 cigars per day........0,98

    also, falls man *wirklich* eine rechtfertigung für sein hobby braucht dann schiebt es auf die gesundheitsvorsorge, müssiggang gibts dann gratis dazu ;o)

    m.

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  4. Was wir derzeit als gesellschaftlichen Trend erleben, ist fast schon die soziale Pflicht, möglichst schlank, sportlich fit, jung (geblieben) und gesund zu sein. Tatsächlich oder vermeintlich gefährliches Verhalten wird zunehmend geächtet oder sogar sanktioniert (siehe Rauchverbote). Aber wo sind die Grenzen und wollen wir als Gesellschaft das wirklich? Die Förderungdn der oft selbsternannten Gesundheitspolizei gehen zum Teil sehr weit, angefangen mit Risikozuschägen bei der Krankenkasse für Raucher, Rauchen ist ungesund. Punkt! Aber andere Verhaltenweisen auch. Ich könnte mir vorstellen, dass Sportunfälle (Achtung! Sport ist gesund und sollte gefördert und belohnt werden.) insgesamt ähnlich hohe Kosten verursachen wie Tabakkonsum, wobei ich in erster Linie gar nicht einmal an Risikosportarten denke, sondern an Breitensport wie z.B, Fußball. Raucher entlasten wenigsten durch ihren früheren Tod (Stichwort: sozialverträgliches Frühableben) die Rentenkasse. 😏

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  5. Ja, der Hang unserer Zeit zur Selbstoptimierung und die Hochsilisierung der Gesundheit und Effizienz zum höchsten Gut sind unübersehbar geworden. Die Pfeife kann da ein Ausweg sein. Von daher glaube auch ich an die Zukunft der Pfeife. Vielleicht nicht in der Masse. ABER in der Klasse! Danke für diesen lesenswerten Beitrag.
    LG, Jürgen

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