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Mittwoch, 27. Mai 2015

Kolumne: Fließt die Sieg in die Wolga?



Da sitzt man, mit den frischen Eindrücken der Messe in Lohmar, nebenan an der Sieg und lässt die Füße ins Wasser baumeln... mit dem ebenso sicheren, wie trügerischen Gefühl, dass die deutsche Pfeifenwelt noch in Ordnung ist und es uns völlig schnuppe sein kann, was die Pfeifen-Enthusiasten weit im Osten so denken, wenn deren Füße in der Wolga oder dem Jangtsekiang abkühlen. Doch, das stimmt SO leider lange nicht mehr.

Wer aufmerksam hinschaut, bemerkt die Spekulanten in Lohmar und Speyer schon lange.

Sie treten mehr oder weniger auffällig auf diesen, ehemals so unbeachteten, "Familientreffen" auf und kaufen ohne viel Aufsehen die Rauchgeräte von den Tischen, die sich in anderen Ecken der Welt vergolden lassen. Wer sich auf Pfeifen-Drehscheiben in den roten und fernen Osten umsieht, wie bei www.scandpipes.com oder www. pipesart.com, erkennt schnell, wie der Zeitgeschmack der gut betuchten Klientel tickt.



Als Pfeifenmacher hat man dort mit einem -ov, -ev, -itsch oder -ski am Namensende schon mal einen klaren Vorsprung. Entscheidend ist aber scheinbar in vielen Fällen, die Abstraktion der Pfeife bis zur absoluten Unrauchbarkeit zu treiben. Erst dann sprechen die solventen Interessenten von "Pfeifenkunst" und meinen realiter lohnenswerte Spekulationsobjekte. Was das noch mit Pfeife rauchen zu tun hat? Nichts... aber, ist das wichtig? Wichtig ist, dass zwischen all' den nachgewachsenen Ostblock-Talenten immer noch Lücken bleiben, die es zu schließen gilt, will man die unglaubliche Nachfrage nach Geldanlagen befriedigen. Also wird auch der deutsche Markt abgegrast, vor allem die abstrakteren Pfeifenmacher dieses Landes werden "gehyped" und so rasch wie möglich als Geldkühe eingemeindet.

Das funktioniert verständlicherweise gut. Wer ließe sich nicht mit internationalem Bekanntheitsgrad und guten Verdienstmöglichkeiten ködern ? Wobei es mit den Verdienstmöglichkeiten bei den betreffenden Macher nicht so gut bestellt ist, wie bei den Zwischenhändlern, die sich ihr gutes Näschen vergolden lassen.


Für den Pfeifenfreund, der eher gediegenes Rauchwerkzeug als abstrakte Kunst sucht, bietet sich dadurch ein beinahe schon skuriles Bild. Selbst im Hochpreissektor lässt sich die gewachsene Qualität eines Kurt Balleby, Tom Richard, Frank Axmacher u.a. deutlich günstiger erwerben, als die Skulptur manch' kürzlich erst entdeckten Künstlers mit oben erwähnter Namensendung. Die gestandenen Pfeifen eines Axel Glassner, Jan-Harry Seiffert, Heinz Günter Döteberg, Heiner Nonnenbroich, Eckard Stöhr oder Jürgen Börner nehmen sich dagegen wie Sonderangebote aus... verrückte Welt!




Diese Entwicklung bietet aber nur für einen Teil unter uns Pfeifenfreunden Grund zum Jammer. Wer die "Modern Art" allzu sehr in sein Herz geschlossen hat, dem bleibt nur, schnell genug zu sein, um neue Leute VOR den Spekulanten zu entdecken... oder reich genug zu sein, um auch die fragwürdigsten Konstrukte als Kunst einzustufen und sie lächelnd zu bezahlen. Hauptsache, das Schwarzgeld ist gut angelegt. Für die Pfeifenfreunde, denen das hochqualitative Rauchen wichtiger ist, als die Füllung der Vitrine, ändert sich eigentlich nichts.




Der Nachwuchs präsentierte auch in Lohmar hervorragende Pfeifen für bezahlbares Geld, etliche "Klassik-Urgesteine" wollen einfach weiter Pfeifen bauen, die auch so aussehen - und das ist gut so. Diese Pfeifen lassen sich nämlich auch dann noch mit Genuss rauchen, wenn manch' skuriles Holzmonster schon in der Vitrine verstaubt ist. Angegraut von der Patina vergangener Trends. Geradezu grotesk finde ich übrigens, dass sich viele der modernen Pfeifenskulpturen, im krampfhaften Bemühen "anders" zu sein, beinahe bis zur Austauschbarkeit zu ähneln beginnen... auch eine Art der Uniformität.

Entspanntes Fazit: Suum cuique... das wussten schon die ollen Römer. Für mich gibt es zwischen Elbe, Weser, Saale, Rhein, Donau, Isar und Sieg so viele tolle, bezahlbare Pfeifen... da ist mir wirklich wurscht, was an Wolga und Yangtse so läuft.

Ihr Ralligruftie



Autor: Ralf Dings

Kommentare:

  1. Die einen kaufen Pfeifen, die anderen Ferraris um sie in der Garage zu polieren.
    Ich hingegen vergnüge mich just in diesem Moment mit einer uralten, aber voll gebrauchstüchtigen und noch echten Stanwell.
    Jedem wie es gefällt.
    Oder um Deine "ollen Römer" nochmals zu Worte kommen zu lassen: "Fumans obliviscere mundum." Stammt vom alten Zino D. und heißt "Rauchend die Welt vergessen."

    In diesem Sinne noch:

    Schönen Abend,

    Max

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  2. Moin lieber Max,
    ich habe im Nachhinein festgestellt, dass ich die (aus meiner Sicht) größte Gefahr in dieser Entwicklung zu vorsichtig, unklar und kurz geschildert habe. Daher erscheint zum Wochenende ein eher unvorsichtiges PS zu dieser Kolumne.
    Genieß`die gute alte Stanie und lieben Gruß, RALF

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  3. Hi Ralf,

    ich weiß ja nicht, in welches Gewässer zwischen der Bretagne und Kamptschatka du dort genau die Beine hast hineinhängen lassen.
    Aber Lohmar liegt meines Wissens an der schönen Agger und diese fließt erst zwischen Siegburg und Troisdorf in die Sieg.

    Dennoch vielen Dank für die vielen tollen Videos und Artikel, die mir nun schon seit einiger Zeit als Orientierung in der (für mich noch jungen) Welt des Pfeiferauchens dienlich sind.

    Meine Pfeifen sind übrigens alle Estates aus den 70ern bis 90ern für maximal 25€ das Stück und es ist keine einzige "Gurke" dabei...

    Viele Grüße,
    Chris

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