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Freitag, 24. April 2015

Pfeife leben – lebendige Pfeife? Versuch einer Anleitung zum zeitgemäßen Pfeifengenuss

Vorweg muss klargestellt werden, dass diesem Artikel nicht die Absicht zugrunde liegt, über Stopftechniken, Tabakvorlieben, Shapes oder Rauchtechniken aufzuklären. Das wurde und wird hier zur Genüge erklärt, in profunder und kompetenter Manier. Schon der Überschrift kann man entnehmen, dass dieser Artikel anecken möchte („Will der mir jetzt vorschreiben, wie ich meine Pfeife genießen soll?“). Er will diskutiert und zur Disposition gestellt werden, er möchte viele Köpfe erreichen und zum Nachdenken bewegen.

Die Pfeife, dieses Thema ist beinahe Pflichtprogramm in Pfeifenraucher-Diskussionen, erlebt einen drastischen Niedergang. Jeder noch so angeregt geführte Youtube-Kanal, jedes Forum kann und darf nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass die Pfeife ihre besten Jahre hinter sich gebracht hat. Die allgegenwärtige, gesellschaftliche Stigmatisierung der Zigarette macht keinen Halt vor anderen Arten dem Rauchgenuss zu frönen; sie differenziert nicht zwischen Rauchgenuss und Suchtverhalten, nicht zwischen Zigarette, Pfeife, Zigarre oder Wasserpfeife. Dieser oft diffamierend als „Verbotskultur“ bezeichnete Wandel ist Teil größerer Veränderungen, die unsere „europäische“ Gesellschaftskultur nun spürbar ergriffen haben: Beschleunigung des Alltags durch Social Media, dadurch ein Streben nach Optimierung von Kommunikation und Interaktion; Sport und Ernährung – Gesundheit und Leistung als Statussymbol einer von Abstiegsängsten ergriffenen, gesellschaftlichen Mittelschicht, die durch das Nacheifern von im Eiltempo kommenden und gehenden Trends im materiellen Wohlstand verwahrlost und Fassaden aufrecht erhält: nicht umsonst wird das zukünftige Symptom ihrer Erkrankung „Virtual Reality“ heißen.

Bringen wir nun an dieser Stelle die Pfeife ins Spiel. Auf Youtube war die Pfeife als brandneuer Hipster-Trend bereits im Gerede, eine Renaissance könnte ihr glatt bevorstehen – dazu wird es aber erst gar nicht kommen. Die Gründe dafür sind vielschichtig: sich eine Pfeife anzuzünden um ein unglaublich cooles „Retro“-Gefühl zu beschwören oder dem eigenen „Vintage-Look“ den letzten Schliff zu verpassen ist nicht nur furchtbar kleingeistig und rückwärtsgewandt, sondern schlichtweg nicht möglich. Kleingeistig und rückwärtsgewandt deshalb, weil wir keinen ewig gestrigen Gestalten und „Looks“ nacheifern, sondern unserer Zeit den eigenen Stempel aufdrücken sollten (wie es im Übrigen auch der kürzlich verstorbene Günter Grass tat). „Retro sein“ kann für den heutigen Pfeifenraucher, der, wie schon auf Youtube gesagt wurde, „am Puls der Zeit“, sprich inmitten unserer heutigen Gesellschaft leben sollte, daher kein ernstgemeintes Motiv sein. Unmöglich ist der neue Pfeifentrend auch und vielleicht gerade deshalb, weil er die Pfeife zum Accessoire degradieren muss. Der in Kanälen und Foren oft beschworene „Genuss“ läuft dieser Tatsache eindeutig zuwider, denn eine Pfeife ist nichts für den schnellen Spaß, ganz im Gegenteil – in einer „schnellen Nummer“ ist sie geradezu eine Enttäuschung.

Wie also lassen sich gesellschaftlicher Wandel und Pfeife zusammenbringen, wenn sich die Pfeife nicht zum Accessoire degradieren lassen, sondern ein geschätzter Dialogpartner ihres Rauchers sein möchte? Die enttäuschende Antwort: gar nicht. In das bereits beschriebene, heutige Lebensgefühl mag sich die Pfeife denkbar schlecht einfügen. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch dass die Pfeife in der Lage sein kann, ganz andere gesellschaftlich relevante Aufgaben wahrzunehmen, so man das Potenzial erkennt. Einerseits ist sie Partnerin im intimen Dialog und gewährt, ganz allein im richtigen Umfeld genossen, fast schon therapeutische Sitzungen. Ihr Rauch reinigt und kittet die Wunden der alltäglichen Anstrengungen, hält im Gleichgewicht lässt einen auf andere Dinge fokussieren. So wie die Pfeife ausgleicht, ist sie aber auch Auflehnung. Auflehnung gegen Leistungs- und Gehorsamswahn, gegen die Gleichschaltung meiner Existenz mit Millionen anderen Existenzen. Mit einer Pfeife im Mund durch die Stadt zu bummeln sollte kein „Fin-de-siècle Chic“ sondern ein Statement gegen Gleichförmigkeit, für Individualität, Ecken und Kanten, gegen die Verpflichtung zum Leben und für die Leidenschaft zum Leben sein.

Bekennen wir uns also dieser Tage zur Pfeife, so darf das nicht mehr lediglich aus der „Macht der Gewohnheit“ heraus begründet werden. Vielmehr sollten wir die Pfeife als Symbol einer bestimmten Grundhaltung, einer Lebenseinstellung, auffassen, die in unserer Gesellschaft immer mehr an Wert gewinnen wird: zwei- bis dreimal nachfragen, bevor man etwas glaubt; kritisches Denken und Beobachten; Eigenverantwortung; Individualität und Persönlichkeit; Besonnenheit. Oder auf den Akt des Pfeife Rauchens umgelegt: lassen wir die Liebe, scharfe und kritische Beobachtung, Jagd und Neugier auf neue Raucherlebnisse sowie unsere Aufgeschlossenheit diesen gegenüber, jedoch auch unmissverständlich die Grenzen unserer persönlichen Auffassung von „gutem Geschmack“ sowie die Besonnenheit und Ruhe auch unseren Mitmenschen zuteil werden, so wird das den zeitgenössischen Pfeifenraucher zu einem beachteten Mitglied inmitten unserer Gesellschaft machen


Gastautor: Daniel Frey, Wien

Kommentare:

  1. keine sorge, das übel der politischen korrektheit welche und das rauchen und leben zu vermiessen sucht ist ebenfalls nur eine modeerscheinung.

    bei uns in den staaten spriessen wieder allerortens die raucherabteile in bars, cafes und gastronomie aus dem fruchtbaren boden des genusses.
    während wir in europa gerade verbieten, verbieten, verbieten. und geradeso wie diese verbotswelle aus den staaten nach europa geschwappt ist wird der neue trend ebenfalls wieder nach europa kommen.

    gebt den leuten noch 5 jahre zeit und auch ihr in deutschland dürft nach dem steak wieder whiskey und tabak geniessen.
    mit in wenig glück kommt es bis dahin in österreich gar nicht erst zum beschlossenen verbot in der gatsronomie.

    auch sollten wir nicht vergessen dass in der hochzeit des pfeiferauchens, den 50er und 60er jahren, die pfeife ebenfalls vor allen dingen modisches acessoir zu anzug und krawatte war - zur schau gestellte eleganz!
    was in die 70er übergeschwappt ist und uns eine unglaubliche pfeifenakzeptanz beschert hat und zwar ganz ohne mode sein zu wollen.

    gebt der zeit eine chance!

    m. (immer noch zu faul zum registrieren)

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  2. So jetzt hat es mal jemand ausgesprochen.
    Dieses durchweg korrekte Statement würde ich sofort unterschrieben.
    Leben tue ich es sowieso.
    Danke an Daniel Frey!

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  3. Dem geschriebenen kann ich nur zustimmen! Insbesonder die reinigende und Kittende Wirkung einer Pfeife auf die Alltagswunden, empfinde ich ganz genau so! Mancher Tag lässt sich nur überstehn weil man weiss, am Abend werde ich Pfeife rauchen dürfen! Danke für diesen anspruchsvollen und überdenkenswerten Artikel!

    LG, Jürgen

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  4. Schöne neue Welt der paternalistischne Gesellschaft. Wir sollen zum Wohlverhalten erzogen werden das wir ,wie weiland der Rattennfänger von Hameln die lieben Kinder ,in in die Eine Welt geführt werden können. Widerstand ist angezeigt

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  5. Ein wunderbarer Beitrag welchem so nichts hinzuzufügen ist. Eine wunderbare Sichtweise auf unser Hobby, unseren Genuss, unsere Insel im hektischen Alltag auf Gedanken im Rauch. Danke!
    Viele Grüße aus Stuttgart

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  6. Interessanter Weise äußerte der Mitarbeiter eines renommierten Kölner Pfeifenhändlers im persönlichen Gespräch kürzlich eher einen gegenteiligen Eindruck, nämlich dass vor dem Hintergrund der zunehmenden Reglementierung und Stigmatisierung das Genussrauchen (und damit auch die Tabakspfeife) an Bedeutung gewinnt. Man raucht weniger und seltener, dafür aber bewusster und wertiger. Er sieht für Pfeifen einen, wenn auch abgeschwächten, ähnlichen Trend wie für Premiumzigarren. Schön wär's ja.

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  7. Ich rauche oft und gern (Pfeife und Zigarre) und habe im Bekanntenkreis mittlerweile schon 2 Leute zum Pfeifengenuss animieren können. Wirkliche Gedanken habe ich mir noch nicht zu diesem Thema gemacht.
    Ich glaube wir Pfeifenraucher sollten uns nicht immer so wichtig nehmen und uns hier und da auch eine moderate "mir-doch-egal"-Einstellung zulegen.

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