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Freitag, 10. April 2015

Jurewizc (Aachen) - Grand Slam 91

Ich muss Abbitte leisten. Lange Zeit habe ich nämlich geglaubt, die Haustabake von Pfeifenfachgeschäften seien bloß aufgehübschte Holzklasse; sozusagen der Seat Marbella mit Heckspoiler, der auf dem Gebrauchtwagenhof unter einer feurigen Überlackierung vor sich hin rostet; die Wurst von gestern, die der Imbissstand mit viel Currysauce und dem Anschein von Genießbarkeit heute nochmal unterjubelt. Zum Glück haben Vorurteile eine wunderbare Eigenschaft: Sie lassen sich leicht widerlegen. Ein knackiges Gegenbeispiel genügt. Und seit ich bewusst auf die Suche nach Gegenbeispielen gegangen bin, finde ich fast nur noch welche.

Ein Gegenbeispiel, wie es schlagender kaum sein könnte, ist der neulich besprochene "Banbridge" des Hauses Schneiderwind in Aachen. Ein anderes, kaum schwächeres, der "Grand Slam 91" aus dem ebenfalls in Aachen ansässigen "Pfeifenstudio Jurewizc", - ein Gegenbeispiel gegen meine Vorurteile und ein Gewinner auf dem Feld des Tabaks, eben ein Doppelsieg wie der von Becker und Graf 1991.


Das Tabakbild des "Grand Slam 91" ist verheißungsvoll originell: Eine vielfarbige Mixture aus Kentucky, Perique und Orient in mittlerem bis eher feinerem Schnitt und einigen größeren Blattstücken, paart sich mit (auch haptisch) sehr zarten Curlys, gesponnen zu 2-Cent-Stück-Größe aus Virginia und (vermutlich ungesoßtem) Cavendish. Ein schönes Doppelgesicht.


Und kurioserweise kenne ich den doppelgesichtigen Doppelsieg 91 auch beim Rauchen in zwei Gestalten: Ich öffnete die Dose direkt nach dem Kauf, rauchte etliche Füllungen, ließ den Tabak dann (luftdicht verschlossen) etliche Monate stehen, wandte mich solange einigen seiner Kameraden zu, und kehrte schließlich zu ihm zurück. Eine erstaunliche Wandlung offenbarte sich:

Beim ersten Öffnen nach dem Kauf war kaum mehr als ein leichter, fast dünner Virginiaduft wahrzunehmen, der sich im Rauch der Pfeife sogar noch weiter ausdünnte und lichtete. Der Tabak rauchte unauffällig mit einer hauchigen Natursüße vor sich hin, ich kontrollierte gelegentlich unwillkürlich, ob die Pfeife überhaupt noch unter Feuer stehe, rauchte beiläufig weiter und schrak nur gelegentlich regelrecht zusammen, wenn die Glut im Pfeifenkopf auf einen der Curlys übergriff und in den dünnen Hauch der Virginias hinein plötzlich olfaktorisch explodierte, als habe man unerwartet auf eine halbvergorene Aprikose gebissen. Wer Überraschungseffekte beim Rauchen sucht, der halte sich an einen frischen "Grand Slam 91"!

Beim zweiten Öffnen der Dose nach einigen Monaten dann: Als habe ein Alchemist heimlich den Stoff verwandelt! Wo vorher nur dünne Virginiasüße zu ahnen war, stieg jetzt aus der Dose ein schwersüßer Dunst von Ferment, Weihrauch und Leder. Alle Aromen, die bislang in den Blättern verschlossen lagen und allenfalls einmal aus den Curlys frech hervor spitzten, hatten sich entfaltet und drängten nun umso selbstbewusster nach vorn. Trotz seines neuen Selbstbewusstseins (und trotz des teils zarten Tabakschnitts) haben sich aber mittelgroße Köpfe für diesen Tabak bewährt, und die zylindrischen 2,1 Millimeter der Stanwell Nostalgie Billard entwickeln die Fülle der Aromen viel deutlicher als die Nanna-Ivarsson-N2 mit ihrer tailliert zulaufenden Bohrung. Das ist jammerschade für die bildschöne Nanna, aber ein Matchball für den "Grand Slam", der nur so Punkt um Punkt landen kann: Der Rauch ist voll und präsent, ohne aber plump oder eindimensional zu wirken. Im Gegenteil: Es macht Freude, den verschiedenen, ja reichen Nuancen nachzuforschen. Aus der schweren, ledrigen Süße des Periques und des Cavendish (der die scharf-süßen Spitzen des Perique etwas glättet wie ein Schuss Milch im Pfeffer-Chai-Tee) lugen immer die leichten Noten des Virginias und die ätherisch-schwebende Gestalt des Orients hervor. Den Kentucky selbst schmecke ich kaum, vermute aber, dass sich sein Zweck gerade darin erfüllt, das üppige Spiel der Tabakaromen wie ein sicheres, aber selbst fast unsichtbares Fundament zu tragen.


Wer einen Tabak sucht, der voll und erfüllend im Geschmack ist, zugleich aber nicht auf Breitband-Wirkung setzt, sondern auf Volumen aus einer Fülle zarter Nuancen, der wird hier fündig,- wenn er denn dem Tabak die Zeit zur Nachreifung gibt, die sein zweites Gesicht offenbart.

Noch eine Hausmarke, die es in sich hat. Wie schön ist es doch, wenn Vorurteile mit so viel Genuss Lügen gestraft werden. Da gewinnt nicht nur der Tabak, sondern auch der Pfeifenfreund. Ein Doppelsieg wie beim Grand Slam 1991 in Wimbledon!

Zwei Ergänzungen:
Zum ersten: "Hausmarke" ist hier, wie gar nicht selten, cum grano salis zu nehmen. Wie der Inhaber des Hauses, Herr Jurewizc, offenbar gebauchpinselt von meiner Begeisterung an dem Tabak, halb verschämt, halb stolz gestand, handelt es sich um die heimliche Neuauflage eines einigermaßen legendären "Poul Olsen", der aber schon vor vielen Jahren vom Markt genommen wurde.

Zum zweiten ein Wermutstropfen (der aber vielleicht auch nur mich betrifft): Nach jeder Pfeife mit dem "Grand Slam 91" hatte ich noch bis zum nächsten Morgen einen leicht beleidigten Rachen, etwa wie bei einem leichten Heuschnupfen zur Frühblüherzeit, und vielleicht eine Folge des Frontalangriffs so vieler (wenn auch "natürlicher") Aromen der vielen verschiedenen komponierten Tabake. Aber wie auch der Duft des Frühlings einen leichten Heuschnupfen mehr als wettmacht, so nehme ich doch eine leicht verschnupfte Rachenschleimhaut um dieses Genusses willen gerne in Kauf.


Fazit für Eilige:
Ein naturnaher Tabak, voll, reich und selbstbewusst im Geschmack, aber sehr nuanciert. Braucht ggf. etwas Zeit, um am Luftsauerstoff nachzureifen. Nicht zu kleine Bohrungen sind vorteilhaft. Eine warme Empfehlung!


Hausmarke bei "Pfeifenstudio Jurewizc", Aachen
Hersteller (laut Steuernummer): Kohlhase und Kopp
Preis: 19,10,-- für 100 g (Stand: Mai 2014)

Verwendete Tabake: helle Virginias, Cavendish, Perique, Orient, Kentucky
Typ: Variant-cut-Mixture mit Curlys
Richtung: naturnaher Tabak
Casing: keins bis minimal
Tabak-Note: komplex: schwersüß, ledrig, ätherisch (nach der Nachreifung)
Stärke (Nikotingehalt): mittel
Abbrand: mäßig-mittelschnell

Geraucht in: Nanna Ivarsson N2,
Stanwell Nostalgie Sand Billiard
(beide oFi)



Gastautor: Patrick H.

Kommentare:

  1. Hallo Patrick,

    der Tabak landet des öfteren in meiner Tabakbar.
    Deine Beschreibung trifft es sehr gut.
    Raucht man Tabak frisch gekauft ist er mir zu langweilig, lässt man ihn aber altern ist er eine Offenbarung.
    Ich nutze für den Tabak am liebsten die Savinelli 320KS oder eine Vauen 3940, da der Tabak einfach Platz braucht um sich zu entfalten.
    LG Bernd

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    1. Lieber Bernd,

      das freut mich sehr, daß der Tabak Dir auch so gut schmeckt!
      Und ich bin beruhigt, daß Du auch seinen eigensinnigen Anspruch aufs Altern und genügend Platz in der Pfeife erwähnst. Beinahe dachte ich schon, das gute Kraut hätte etwas gegen mich persönlich.
      Aber diese leichten Star-Allüren nimmt man gerne in Kauf, wenn man dafür einen solchen Rauchgenuß geboten bekommt. Wie Du sagst: Eine Offenbarung!

      Herzliche Grüße aus Aachen nach Aachen

      Patrick

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  2. Hallo Patrik,

    ich glaube, ich muss Montag mal zum Jurewicz...

    Gruß
    André

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