Willkommen bei Jogi-wan...

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Sonntag, 26. April 2015

DIE richtige Tabakfeuchte gibt es nicht!

Die Frage ist so alt, wie das Pfeife rauchen selbst. Wie feucht oder trocken muss ein Tabak sein, damit er optimal zu rauchen ist und das Maximum an Geschmack entwickelt? Generell gilt die "Druckprobe" als Anhaltspunkt. Eine Menge von der Größe einer Walnuss wird zwischen Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger genommen, zusammen gedrückt und wieder los gelassen. Bröselt der Tabak, ist er (wie überraschend!) zu trocken, klebt er zusammen, ist er zu feucht... und federt er elastisch in die Ursprungsform zurück, hat er die richtige Konditionierung. So weit, so falsch... oder sagen wir besser: als grober Anhaltspunkt vielleicht brauchbar - mehr aber auch nicht.


Zum Ersten gilt es, zwischen Hocharomaten, weniger aromatisierten und eher naturnahen Tabaken zu unterscheiden, dann gibt es ja auch noch die speziellen Zubereitungsarten, wie Flake, Curlys, Plugs und Co, und zuletzt spielen auch persönliche Vorlieben und Rauchgewohnheiten eine wichtige Rolle... aber, der Reihe nach.

Hocharomatisierte Tabake sind auf eine gewisse Feuchtigkeit angewiesen. Ihr Blattgut ist mit Aromen angereichert, die man ja schlecht in Pulverform einbringen kann. Beim Genuss dieser Kräuter ist der entstehende Wasserdampf ja der Transporteur für den Geschmack - ohne Feuchtigkeit sähe es also schlecht aus. Nachteil: Je heftiger und heißer diese Tabake verraucht werden, desto schneller bildet sich ZUVIEL Feuchtigkeit auf einmal, die dann gern zum gehassten Sottern führt, zum Blubbern der Pfeife, weil sich Nässe vor dem Zugloch sammelt und dort fröhlich vor sich hin schnorchelt. Zudem besteht auch die Gefahr, den Tabak durch zu häufiges und/oder heftiges Nachstopfen zu stark zu verdichten. Der Tabak klebt und klumpt durch die hohe Feuchtigkeit zusammen und verstopft den Zug.


Nun darf man Hocharomaten getrost als "Frischeartikel" betrachten. Ein Fachmann vertritt sogar die These, dass diese Tabakart am besten zwischen der 16.und 20. Woche nach Produktion verraucht werden sollte, um den optimalen Geschmack zu erzielen. Toll!... und woher soll ich das wissen, wenn kein Produktionsdatum auf der Verpackung steht? Na ja, man kann auch hier alles übertreiben. Lässt man sich diese Behauptung aber mal durch den Kopf gehen, kommt man zu dem (logischen?) Schluss, dass man Hocharomaten bei Herstellern kaufen sollte, die häufiger kleine Mengen frisch ansetzen... und am besten auch noch selbst vertreiben. Gerade bei Hocharomaten aus dem Pouch-Päckchen weiß man ja nie, wie alt sie im Regal des Händlers schon geworden sind und ob die Reserve vielleicht in der Nähe der Heizung gelagert wurde.

Betrachtet man also die vielen Faktoren, die über Sieg oder Untergang eines gelobten Aromaten entscheiden, wird ein Punkt augenscheinlich. Die Behauptung, dass a) Aromaten von wirklichen "Experten" nicht ernst genommen werden, weil sie "Anfängertabake" seien und b) Aromaten die idealen Beginnertabake seien, weil man da "nichts falsch machen" könne, ist reiner Schwachsinn!

Zum Punkt: Der wirklich erfahrene Raucher, der es schafft, seine Pfeifen kühl zu rauchen, der am Zug genau merkt, ob der Tabak zu sehr zu verdichten droht, der kann den Aromaten auch direkt aus der frisch geöffneten Verpackung genießen. Wer aber nicht so erfahren ist, sollte die Tabake schon etwas genauer begutachten, auch ruhig einmal die Druckprobe wagen. Klebt es allzu sehr, sollte man dem Tabak einen Aufenthalt an der Luft spendieren.


Fein auseinander gefasert kann er so das Übermaß an Nässe abgeben. Doch diese Maßnahme sollte sorgfältig überwacht werden. Schnell wird so ein Tabak auch zu trocken, wenn er über mehrere Stunden im Freien liegt... und was weg ist, ist auch an Aromen weg.
Einen Aromaten durch feuchte Steine oder ähnliche Tricks zu rekonditionieren, klappt nicht. Die Aromen kommen nicht wieder. Im Zweifelsfall zwischendurch mal ein kleines Probepfeichen stopfen und testen, wie man mit dem augenblicklichen Feuchtigkeitsgrad zurecht kommt. Ist das persönliche Optimum erreicht, gehört der Tabak in eine dicht schließende Frischhaltedose. Gibt man ihn zurück ins Pouch, wo weiterhin Feuchtigkeit unkontrolliert entweichen kann, war Mühe und Arbeit umsonst. Anders sieht es bei Tabak-Runddosen mit Deckeldichtung aus... hier hält das Kraut seinen, jetzt erreichten Grad auch über längere Zeit.


Nicht ganz so komplex gerät die Geschichte mit den aromatisierten Tabaken "vom alten Schlag". Gut, auch hier ist Austrocknung zu vermeiden, die Kräuter sind aber robuster. Während moderne Aromaten viel transportierenden Black Cavendish enthalten (der halt recht empfindlich reagiert) sind es bei traditionellen Aromaten eher die schaumigen Burleys, die die deutlich geringere Menge an Aromen beinhalten. Ein "Caledonian" oder ein "Sweet Dublin" profitiert durchaus von einer leichten Nachtrocknung. Die enthaltenen Tabakaromen werden prägnanter, ohne, dass sich der Charakter der Mischung wesentlich verändert. Sie wird nicht stärker oder harscher, sondern wirkt gehaltvoller, noch etwas runder. Zudem glimmt sie noch problemloser und ruhiger und ermöglicht so ein sehr sanftes, kühles Rauchen... und das ist IMMER ein Garant für optimalen Genuss.


Ganz ähnlich verhält sich die Sache bei Tabaken, die kein oder nur minimales Aroma beinhalten. Oft kann man sie auch im frisch geöffneten Zustand schon gut rauchen. Viele Mixtures oder Ready Rubbeds legen aber noch einmal zu, wenn man den "klammen Griff" aus ihnen heraus lüftet. Zwei sehr schöne Beispiele hier: der „No.1“ von Behrend und der "Indaba" von Hans Wiedemann. Breitet man diese Tabake nach dem Öffnen für ein paar Stunden an der Luft aus, werden sie noch geschmacksintensiver, tiefer und runder. Der „Indaba“ lässt seine Komplexität noch detaillierter erkennen. Das mögen eher kleine Unterschiede sein, doch es geht uns ja um den perfekten Genuss... und da sind auch Kleinigkeiten entscheidend.


Vorsicht ist bei Flakes geboten. Einmal, weil sie in so extrem unterschiedlichen Konditionen zum Raucher kommen. Manche Samuel Gawith Flakes sind so nass, dass ein halbwegs vernünftiger Genuss gar nicht möglich ist, andere Flakes kommen nahezu rauchfertig aus der Dose. Die Dose... sie kann schnell zum Problem werden. Die traditionellen, flachen und rechteckigen Dosen sind keinesfalls zur dauerhaften Lagerung der Tabake geeignet. Oftmals verzieht sich der dünne Blechdeckel bereits beim ersten Öffnen minimal. Das reicht, um ständig und unkontrolliert Luft an den Tabak zu bringen... und das führt in recht kurzer Zeit zu bröseligem Stroh, statt zu gut konditioniertem Flake.


Generell sollte der Flake so lange gelüftet werden, bis sich die Fasern noch geschmeidig und weich biegen lassen, sich aber nicht mehr feucht anfühlen. Neben bestem Geschmack erreicht man in diesem Zustand auch die optimale Glimmfähigkeit, die auch und gerade Einsteigern ins Thema Umgang mit Flakes, Coins und Curlys wesentlich erleichtern.


Minimaler Schutz des dann erreichten Optimums: Die Dose samt Inhalt gehört in eine verschließbare Plastiktüte. Es gibt da diese feinen Teile, die man auch für Kosmetika bei Flugreisen benutzt. Alternativ kann man zwischen Dose und Deckel ein Stück Frischhaltefolie geben und den Druck des Deckel durch ein umgespanntes Gummi erhöhen. Ideal ist aber, ihn in eine kleine Frischhaltedose umzupacken. Für mich heißt in diesem Fall das Zauberwort "Lock-Lock".... einfach mal googlen.

Den meisten Spielraum für die "perfekte persönliche Feuchte" lassen wohl Ropes und Plugs. Manche schwören darauf, diese Tabake im frisch geöffneten, noch geschmeidigen Zustand zu verrauchen. Ich sehe das aus Erfahrung etwas anders. Ich liebe die "Luft- und Zeit-Methode". Die Tabake werden geöffnet, mehrere Stunden gelüftet und kommen dann in eine Frischhaltedose. So werden sie, möglichst bei Zimmertemperatur und dunkel für mehrere Monate(!) eingelagert. Nichts für Ungeduldige? Stimmt, aber das Ergebnis belohnt die lange Warterei. Beispiele hier: Der „Curly-Strang“ von Peter Heinrichs und besonders der „Epikur“ von Huber/München. War ich über die Eindimensionalität dieser Tabake im frischen Zustand regelrecht erschrocken, sind sie jetzt, nach etwa 8 Monaten Einlagerung, zu Aromariesen gereift, die wahrhaft königlichen Genuss bieten!


Wie stark man diese Tabake nachtrocknet, ist ebenfalls persönliche Geschmackssache. Je trockener sie werden, desto stärker und intensiver sind sie auch. Wer ein Stück seines Lieblingsplugs einfach mal so an der Luft liegen lässt, wird sich nach zwei-drei Wochen wundern. Einmal darüber, dass der Tabak immer noch genießbar ist und keinesfalls zu Staub zerbröselt... und zum Zweiten, welchen "Bums" sein Lieblingswürfel durch den Wasserentzug entwickelt. Das wird aber dann auch gern mal zu viel des Guten.


Manchem Leser werden die vielen Worte und das Brimborium um dieses Thema unnötig erscheinen. Es geht wohl darum, ob man im Tabak ein reines Konsummittel sieht oder ein Genussmittel, das Respekt, Hege und Pflege mit entsprechenden Erlebnissen belohnt. Wein, Käse, Whisky, Bier, Schinken... die Liste der Genüsse, die gepflegt werden wollen, ist endlos. Dazu gehört für den engagierten Liebhaber auch der Tabak. Schliesslich wollen wir das Beste aus unseren Kräutern hervor holen... und damit erweisen wir auch den Könnern unseren Respekt, die in mühevoller Kleinarbeit Rohtabake auswählen, Mischungen zusammen stellen und sorgsam fertigen. Mag man uns von außen für seltsame Käuze halten. Die Liebe zum Tabak, die Experimentierfreudigkeit und der Spaß am gelungenen Genuss gehören untrennbar zur Leidenschaft Pfeife.


Sorgfalt und Aufmerksamkeit gehören aber bei der Suche nach dem als ideal empfundenen Feuchtigkeitsgrad dazu. Wer erst irgendwelche Tontaler mit Wasser tränken muss, um seinen Kräutern wieder auf die Sprünge helfen zu können, hat etwas grundlegend falsch gemacht. Wem ein paar Euro für die optimale Unterbringung seiner Tabake schon zu viel sind, der hat die zum Teil meisterlichen Mischungen nicht verdient. So oft dreht sich das Thema um die Pfeife, wir machen um Lagerung, Handhabung und Pflege viel Theater. Doch, was ist die schönste Pfeife ohne einen Tabak im perfekten Zustand, den man daraus genießt? Die individuell empfundene, richtige Feuchtigkeit hat einen enormen Einfluss auf eben diesen Genuss. Grund genug, für sich selbst ein wenig zu experimentieren... und Spaß macht es auch noch. Was will man mehr?

Ihr Ralligruftie



Autor: Ralf Dings

Kommentare:

  1. Hallo Ralf,

    das ist einer der besten Artikel, den du jemals geschrieben hast. Auch wenn ich viele der Infos bereits hatte, bzw. meine Handhabung mit dir unisono geht, war alles so interessant geschrieben, dass ich garnicht mehr aufhören konnte zu lesen. Weiter so und vielen Dank dafür.

    Gruß
    Flo

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    1. Moin Flo,
      da sage ich herzlichen Dank...und lieben Gruß, RALF

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  2. Hallo Ralf,

    ich kann deinem Beitrag gleichzeitig zustimmen UND widersprechen (bzw. dem zitierten Fachmann widersprechen):

    Ich rauche gerade eine Füllung DTM Temptation, den ich vor 2 Jahren gekauft habe, geöffnet habe und 2 Füllungen draus geraucht habe. Danach verschwand die Dose im Schrank und wurde erst vor einigen Tagen wieder geöffnet. Ein pechschwarzer Hocharomat, allerdings mit einem vergleichsweise groben Schnitt.

    Ergebnis: Feuchtigkeit ist völlig in Ordnung (obwohl das Deckblatt etwas vergilbt aussieht).

    Geschmack: Absolut rauchbar, die Aromatisierung kann man deutlich schmecken.

    Und zum Vergleich habe ich mir eine frische Dose Temptation geholt (obwohl ich den Tabak gar nicht so toll finde - aber was tut man nicht alles für die Wissenschaft.)

    Ergebnis: Kein Unterschied in Geschmack und Abbrandeigenschaften.

    Ich glaub, jetzt ist die Verwirrung komplett, zumal ich annehme, dass der Fachmann, den du zitierst, an diesem Tabak nicht ganz unbeteiligt war. ;)

    lg, Max

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    1. Moin Max,
      ne...genau der Fachmann :-) und ich tauschen uns zur Zeit über die mögliche Besonderheit besonders BC-haltiger Aromaten aus, entsprechende Lagerung voraus gesetzt. Ich kann in absehbarer Zeit dazu eine Ergänzung versprechen...er und ich müssen uns da aber erst in Ruhe besprechen. Der zitierte Fachmann sitzt aber zumindest im gleichen Unternehmen. :-D
      Lieben Gruß, RALF

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  3. Hallo Ralf,

    vielen Dank für diesen wunderbaren Artikel. Dies war eines der letzten großen Themen in meiner noch jungen Pfeifen Laufbahn welches mich immer wieder ins grübeln und zweifeln brachte. Hier finden sich alle nötigen Informationen gesammelt in einem Beitrag. Perfekt!

    Liebe Grüße
    Jan

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  4. Hallo Ralf,

    wieder mal ein äußerst interessanter Bericht von Dir. Sehr aufschlussreich und kurzweilig.Respekt.
    Mach bitte weiter so.

    Schöne Grüße
    Michl

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