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Sonntag, 29. März 2015

Schneiderwind - Banbridge

Ein Einstand muss nicht immer mit einem Knall erfolgen, manchmal geht es auch ohne Sektkorken und Feuerwerk. Der "Banbridge" kommt unscheinbar daher, lärmt nicht, blendet nicht und... bleibt. Und falls er wieder ginge, weil er womöglich eines Tages aus dem Programm und Angebot genommen wird wie manch andere seiner Kameraden, man würde ihn schmerzlich vermissen und mit ihm eine echte Kostbarkeit, einen stillen Schatz von Tabak, wie man ihn selten findet.

Wie ich ihn gefunden habe, warum ich ihn überhaupt gekauft habe, weiß ich nicht mehr. Die Dose versteckt sich mit ihrem blassen Grau zwischen den quietschbunten Etiketten der Planta-Jahrestabake und den Schreifarben der Danske-Club-Pouches. Der Preis liegt mit 17,60 Euro für 100 g im unauffälligen unteren Mittelfeld. Der Tabakhändler pries ihn, obgleich seine eigene Hausmischung, nicht besonders an, und die Dosenprosa des Herstellers liest sich wie die von hundert anderen. Kurz: Kein Lärmen und Blenden, und trotzdem kam er auf meinen "Speisezettel" und wird dort nun regelmäßig stehen. Nicht jeden Tag, denn Kostbarkeiten sind nichts für den Alltag.


Bei so viel nobler Zurückhaltung und stiller Größe darf man indes umso mehr loben:

Alle Flake-Liebhaber werden sich am "Banbridge" erfreuen. In der Dose liegt aufgerollt eine lange, flache Tabakschlange in abwechslungsreichen mittleren Brauntönen mit hellen Einsprengseln, die sich bei etwas Sorgfalt für alle Varianten des Flakestopfens eignet, vom Rupfen natürlich übers Kugeln bis - trotz loser Textur - sogar zum Knickfalten und doppelten Rittberger in den Pfeifenkopf. Konsistenz und Feuchtegrad sind ausgezeichnet; der Tabak kann sofort und ohne Umstände (Trocknen, Befeuchten) geraucht werden, und er kann es, wenn luftdicht aufbewahrt, auch noch nach über einem Jahr.


Der Duft ist "tabakecht", hellere bis mittlere Virginianoten verbinden sich mit Burley und Perique zu einem unaufdringlichen, ausgesprochen runden, geschlossenen Bouquet. Das in der Dosenprosa angekündigte Casing ist mit der Nase kaum wahrnehmbar. Das Entzünden geschieht für einen Flake mühelos, der Tabak glimmt vorbildlich ruhig und gleichmäßig über die gesamte Oberfläche, es entstehen keine Glutnester, und es bleiben keine Tabakstrünke stehen. Nachzünden schadet dem Tabak nicht.

Bisher nur Löbliches. Und der Geschmack? Da gibt es nichts zu loben, nein, da kann man nur noch preisen und besingen: Dieser Tabak ist die harmonischste, rundeste, ausgeglichenste und zugleich doch raffinierteste Komposition, die mir in den letzten Jahren untergekommen ist. Man schmeckt einen mild-süßen Virginia neben einem körperreichen Burley, und beide gewinnen Würze und Kraft aus der Prise Perique, die hinzugefügt wurde. Man schmeckt tatsächlich die einzelnen Komponenten der Komposition, ohne dass das Ganze indessen auseinanderfiele und seinen Charakter einer harmonischen Ganzheit verlöre. Das alleine würde schon rechtfertigen, von einem ausgezeichneten Tabak zu sprechen. Das Casing jedoch, eine warme Note von Nougat, bildet für die drei Komponenten das entscheidende Bindemittel. Und dieses Bindemittel macht aus einem ausgezeichneten Tabak einen raffinierten Tabak, einen Tabak, den man nicht an das Einerlei des Alltags verschwenden darf und will.

Die Freunde der "naturnahen" Tabake sollten beim Wort "Casing" nicht die Nase rümpfen. Das ist kein Tabak mit Schokoladen-Soße, -Suppe und -Pomade darin. Das ist ein sachter Duft von bestem Edelnougat, eine Ahnung mehr, ein Hauch, der dennoch die Kraft hat, alles zu runden und zu schließen, die Qualität und Eigenart aller Komponenten zu erhöhen und sie doch zu einem Ganzen zusammenzuschmelzen mit seinem zarten Schmelz, der den Tabak bis zum Ende begleitet und nobel vervollkommnet.
Von einem Aromaten sollte man daher nicht sprechen (allenfalls noch in dem Sinne, wie jede Virginia-Perique-Mischung ohnehin schon ein Aromat ist, weil der Perique per se mit den Aromen von Rum, Essig und Süßholz angereichert ist). Der Tabak dient hier nicht als beliebiger Aromaträger, sondern umgekehrt dient das Nougat-Aroma (treffender wäre, von einem Nougat-Duft, einer sachten Anspielung und Hommage an die wunderbaren belgischen Guylian Meeresfrüchte zu sprechen) dazu, die Qualität des Tabaks hervorzuheben. Und wie ihm das gelingt, das kann man eben nur raffiniert nennen: Der Tabak ist charakteristisch-charaktervoll, ohne aufdringlich zu sein, und er vollbringt das Kunststück, eine rund geschlossene Ganzheit zu bilden, ohne das Spezifische seiner Zutaten einzuebnen. (Dieser Subtilität und Differenziertheit verdankt er auch, dass er nie langweilig wird, obgleich sein Charakter sich über eine Pfeifenfüllung von anderthalb Stunden nur unmerklich verändert.)

Er entzieht sich daher auch einer allzu schlichten Einordnung in die Kategorien "Aromaten" - "Nicht-Aromaten", "Dänisch" - "Englisch", "Naturnah" – "Naturfern". Sein Name, den er von der nord-irischen Stadt Banbridge hat, führt schließlich vollends in die Irre. Ein seifiger Ire ist er wegen seiner Geschmackswärme am allerwenigstens. Vielleicht verlangt er auch deshalb, weil er quer zu den Kategorien steht, zu Anfang eine gewisse Geduld. Das ist kein schriller Marktschreier-Tabak, der laut tönt, was er alles könne und sei, und am Ende nicht viel hält. Er will mit der Zeit erschlossen werden; man muss ein paar Füllungen aufmerksam rauchen und dem Duft nachspüren. Dann belohnt er die Geduld.

Der "Banbridge" ist ein Tabak, den man immer in der Bar haben möchte. Nicht für den Alltag. Für stille Festtage des Geschmacks ohne Krach und Feuerwerk.
Fazit für Eilige:
Ein (tendenziell) naturnaher Tabak mit sehr dezentem, fast unmerklichem Nougat-Casing von hervorragender Qualität, überragend harmonisch und raffiniert im Geschmack. Ausgezeichnet in jeder Hinsicht. Höchste Empfehlung!

Hausmarke bei "Pfeifen Schneiderwind", Aachen
Hersteller (laut Steuernummer): Kohlhase und Kopp
Preis: 17,60 für 100 g (Stand: März 2015)

Verwendete Tabake: Virginia, Burley, Perique
Typ: Flakeschlange (eher lose)
Richtung: tendenziell naturnaher Tabak
Casing: sehr dezent
Note: Nougat (Guylian Pralinen)
Stärke (Nikotingehalt): mittel
Abbrand: eher langsam

Geraucht in: Savinelli Silver 320 KS oFi




Gastautor: Patrick H.

Kommentare:

  1. Herzlichen Dank
    Eines der besten und aussagekräftigsten Review in allen Facetten!

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  2. Herzlichen Dank
    Eines der besten und aussagekräftigsten Review in allen Facetten!

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    1. Lieber Reto,
      danke Dir herzlich für das Lob!
      Ich nehme das gerne als Ermunterung, ab und an Weiteres beizusteuern. (Und nun sag nicht, soweit würdest Du nun auch wieder nicht gehen ;-))
      Beste Grüße
      Patrick

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  3. Lieber Patrick,

    ein wirklich schönes und ansprechendes Review, welches mich sehr neugierig gemacht hat. Zumal ich auf aromatisierte Flakes stehe.
    Vielen Dank dafür !
    Lieben Gruß von Sybille

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    1. Liebe Sybille,

      danke Dir!
      Der Banbridge kommt Deiner Vorliebe sicher entgegen.
      Soweit ich weiß, kann man den Tabak auch online bestellen, wenn Du nicht in der Gegend wohnst.
      Und ich kann nur noch einmal raten, dem Flake Zeit zu geben. Meine erste Reaktion beim ersten Verköstigen war "jo, nicht schlecht". Wirklich gerecht geworden bin ich dem Tabak dann erst nach der dritten oder vierten Pfeife.
      Viel Spaß beim Probieren!

      Beste Grüße von

      Patrick

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  4. Wunderbar geschriebenes aussagekräftiges Review. Vielen Dank. ich bin sehr neugierig auf den Tabak geworden.

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    1. Lieber Alexander,

      danke für die Blumen! Freut mich!
      Falls Du den Tabak einmal probieren solltest, bin ich natürlich gespannt auf eine kurze Rückmeldung über Deinen Eindruck in den Kommentaren!

      Beste Grüße von

      Patrick

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