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Montag, 19. Januar 2015

Pfeifen... und den richtigen Ton treffen!

Was ist eigentlich ein Pfeifenbäcker, wo liegt Hilgert und wie kann ein gestandener Mann solche Entscheidung treffen? Nun, falls Sie den Westerwald nicht nur als windreiche Gegend aus einem Soldatenlied kennen, sagt Ihnen vielleicht Ransbach-Baumbach etwas. Westlich davon finden Sie Hilgert, an der A 48 gelegen. Nicht gerade eine bedeutende Gegend? Mag sein, aber sehr schön!

Copyright: Sebastian Reith

So ab 1750 sah es mit der Bedeutsamkeit noch ganz anders aus. Da wuchs Hilgert zu einem deutschen Pfeifen-Mekka heran. War zu diesem Zeitpunkt die nebenberufliche Herstellung von Tonkrügen durch die Bauern der Gegend schon rund 350 Jahre lang Tradition, stellte man zu diesem Zeitpunkt in Hilgert auf die Produktion von Tonpfeifen um... und das sehr erfolgreich. Bis zum Jahr 1800 zählte Hilgert nie weniger als 20 Tonpfeifen-Bäcker. Acht Jahre zuvor, 1792, wurde sogar die Zunft der Pfeifenbäcker gegründet.... und auch, wenn nach und nach andere Materialien den Ton als Pfeifenmaterial immer mehr zurück drängten, hielt sich die Tradition bis zum Beginn des zweiten Weltkrieges.

Copyright: Sebastian Reith

Copyright: Sebastian Reith

Danach war die Tonpfeifen-Bäckerei ausgestorben. Ganz? Nein, nicht ganz. Wilhelm Albrecht Simonis meldete sein Gewerbe am ersten Juni des Jahres 1949 wieder an.... und diese "Pfeifenfabrik" wurde 1986 von Simonis' Enkelin, Rita Steuler und ihrem Mann Rainer Steuler, übernommen und bis zum heutigen Tag weiter geführt.

Copyright: Sebastian Reith

Copyright: Sebastian Reith

Copyright: Sebastian Reith

Soweit die Geschichte und hier kommt ER ins Spiel. ER hört auf den Namen Sebastian Reith, ist junge 29 Jahre, hat eine fundierte Ausbildung als technischer Zeichner, hatte bis vor kurzer Zeit noch eine gesicherte Stellung als Maschineneinrichter... und er ist verrückt! Positiv verrückt! Wie ich zu dieser Behauptung komme?

Copyright: Sebastian Reith

Copyright: Sebastian Reith

Copyright: Sebastian Reith

Nun, Sebastian ist ein Freund des Sohnes von Rainer Steuler und erfuhr durch den Sohn einige Details vom Handwerk des Vaters. Ein Handwerk, dass mittlerweile selbst im Westerwald als nahezu unbekannt gilt. Gemeinsam mit einem Kumpel besuchte Sebastian Rainer Steuler an seiner Wirkungsstätte und war sofort fasziniert. Zunächst begannen sie Herrn Steuler zu helfen. Bei der anstrengenden Tonzubereitung, zum Beispiel. Immer häufiger wurden die Besuche in der Bäckerei, immer mehr probierte und lernte Sebastian über die Kunst, die ihn so in ihren Bann schlug.

Copyright: Sebastian Reith

Tja... und dann kam, was kommen musste. Da die Steulers mittlerweile ein Alter erreicht haben, in dem man sich getrost zur Ruhe setzen kann, beschloss Sebastian kurzerhand, seinen sicheren Job zu schmeißen und der Nachfolger zu werden. So heißt der letzte Pfeifenbäcker im Westerwald (und vermutlich nicht nur dort) nun Sebastian Reith.

Ich persönlich kann gar nicht so viele Hüte aufsetzen, wie ich vor diesem jungen Mann ziehen möchte. Heutzutage wird so häufig über "Selbstverwirklichung" und "Traumerfüllung" geschwätzt, so viel über "Aussteiger" im Primaten-TV platt gewalzt. Letztlich nur hohle Phrasen mit reichlich Werbeunterbrechung. HIER ist einer, der es wirklich tut. Dem die Tonpfeife so sehr am Herzen liegt, dass er sein Bauchgefühl entscheiden lässt und tut, was er will... und nicht, was die angebliche "Vernunft" ihm vorgibt. Meinen Respekt hast Du, lieber Sebastian!

Copyright: Sebastian Reith

Ein Online-Shop ist unter: www.derpfeifenbaecker.de eröffnet. Neue Ideen und viele liebevolle Details und Ausschmückungen sind geplant. Wer sagt, dass ein solch' traditionsreiches Handwerk keine Zukunft hat? Zumal sich die Tonpfeife immer noch eines ordentlichen Liebhaberkreises erfreut. Gönnen Sie sich doch einmal eine "Hilgerter Mutz". Sie kostet nicht die Welt und entführt sie in einer tönernen Zeitmaschine zu uraltem (und doch so zeitgemäßem) Rauchgenuss.... und all' die Frodo-, Gandalf- und Hobbit-Fans können durch diese Pfeifen erfahren, wie wirklich authentischer Rauchgenuss schmeckt!


Auch ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, diese ursprüngliche Pfeifenerfahrung zu probieren. Wie es mir dabei erging, können Sie in meinem Video "Der gute Ton für Pfeifenraucher" nachschauen, wenn Sie möchten.

Noch einmal sei es an dieser Stelle gesagt: Solange es solche jungen Menschen gibt, die sich mit Hingabe und Begeisterung der Pfeife und ihrer Kultur widmen... solange ist mir um die Pfeife nicht bange!

Für die historischen Fakten dieses Artikels danke ich Herrn Claus Dieter Schnug und seinem Buch: "Hilgert-Ein Westerwalddorf im Wandel der Zeit"

Ihr Ralligruftie



Autor: Ralf Dings

Kommentare:

  1. Ich habe schon vor einigen Jahren einige Steuler-Pfeifen gekauft. Tolle Teile! Und schön, dass sich ein junger Mensch findet, der das Gewerbe weiterführt.

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    1. Moin Hermann,
      an DICH habe ich auch als Ersten gedacht, als das Thema bei mir auf den Tisch kam. Freut mich, dass Du die Qualität bestätigst...ich gebe viel auf Dein Urteil.
      ...und dem Sebastian drücken wir sicher gemeinsam die Daumen !
      Liebe Grüße, RALF

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    2. Aber ganz bestimmt - er verdient es mit den Pfeifen zu verdienen!

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  2. Hallo Ralf,

    anbei ein paar Links, wo man sich geschichtlich über Tonpfeifen informieren kann:

    http://www.pfeife-tabak.de/

    dann weiter zu Artikel und Pfeifenkunde.

    Hier eine Seite aus Devonshire England:

    http://www.dawnmist.org/pipesale.htm


    Ein paar Erfahrungen über das Rauchen der Tonpfeife können nicht schaden:

    Wenn man die Pfeife am Mundstückende mit Sonnenblumenöl einreibt, dann fühlt es sich nach einigen Füllungen fast so wie Ebonit an, aber vorsichtig mit den Zähnen.

    Auch befeure ich die Tonpfeife über Kerzen. Das gibt der Pfeife das gewisse Etwas: sie ähnelt irgendwann der schwarzen Tonpfeife von Mr. Holmes, und das passendes Ambiente bietet die Kerze allemal. Auch fand ich das Tabakskollegium Friedrich Wilhelms I. von Preußen immer schon ansprechend. Wobei sein Sohn deswegen ein Trauma hatte und Schnupftabak bevorzugte. Schnupftabak, so finde ich, passt ebenfalls wunderbar zur Tonpfeife, wie auch ein herzhaftes Bier aus einem Tonkrug.

    In den 70ern habe ich eine „lange hiljerter Motz“ in einem Bad Hönninger Tabakladen erstanden. Bad Hönningen liegt am Rhein und daneben der Westerwald. Damals füllte ich die Pfeife mit „Hickory Hill“ eine „American Mixture – spiced with Hickory curred Virginias and Kentucky“, gibt es schon eine Ewigkeit nicht mehr, und mit dem „burley“ von Mac Baren. Irgendwie wanderte die Motz nach Italien auf den Kaminsims meiner Eltern (könnte ich erklären, aber ich lasse es lieber), wo ich sie vor fünf Jahren wiederentdeckte. Seitdem ist meine Sammlung an Streuler Tonpfeifen auf 19 gestiegen. Überhaupt schmecken Burley-Virginia und Kentucky am besten aus ihnen. Wobei ja die Geschmäcker zum Glück unterschiedlich sind. Jetzt, beim schreiben dieser Zeilen, rauche ich den „golden blend“ von Mac Baren in besagter 70er-Jahre-Motz.

    Ausgebrannt hatte ich diese Pfeife im Kaminofen auch schon einmal, wobei das eigentlich gar nicht nötig war. Diese Pfeifen lassen sich mit den überlangen Pfeifenreinigern säubern, auch während des Rauchens, falls sich Feuchtigkeit am Kopf bilden sollte.

    „Schippers Tabak Speciaal“ und „Coopvaert“ sind niederländische Baai-Tabake, mit hohem Anteil an Burley, Maryland und Java, sie sind wie geschaffen für Tonpfeifen. So sagt man, und kann dem zum Teil beipflichten. Der „Shippers“ hat ein hintergründiges Schokoladenaroma im Burley, wird aber ab der Mitte bissig. „Stad Ootmarsum“ (in Eurem Blog beschrieben) ist eine Marke für sich, erinnert an holländische Zigarillos und brennt sich, auch geschmacklich, dauerschmerzhaft in die Zunge ein.

    Mir war so was von klar, dass Du, lieber Ralf, sofort auf den Zug, den ich Dir schickte, aufspringen würdest. Bin dankbar darum, dass Du es getan hast, denn 500 Jahre Tonpfeifen-Tradition würden irgendwann verloren gehen, wenn es solche Artikel nicht geben würde.

    In diesem Sinne
    René Kraus

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    1. Moin René,
      hab`lieben Dank, dass Du hier auch noch einmal wertvolle Informationen lieferst. Ich bin ja nun auf diesem Gebiet ein Rookie, kann aber die Erfahrungen mit dem Stad Ootmarsum mit gequältem Gesicht bestätigen.:-)
      Du scheinst mich gut zu kennen, nach Deinen Sätzen war die Neugier geweckt...und das Interesse besteht jetzt, nach Artikel und Video, immer noch.Ich werde da mal weiter forschen...es ist tatsächlich spannend. Lieben Dank, ohne Deinen Tip wäre das an mir vorbei gelaufen.
      Liebe Grüße, RALF

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  3. Hmm schluckt Blogspot Beiträge?

    Sehr schöner Artikel. Gerne mehr darüber.
    Im Artikel schreibt ihr mehrmals Euler, die Familie heißt aber STeuler.
    Als Westerwälder Bub (wenn auch im Exil) finde ich es sehr wichtig dass dieses alte Handwerk weitergereicht werden konnt und wünsche Sebastian viel Glück und Erfolg damit.
    Hui Wäller, Allemol.
    PS. Am Anfang ist es komisch wenn die Lippen an der Pfeife zu kleben scheinen, das läßt aber nach ein paar Zügen nach, da den Ton dann an der Stelle gesättigt ist.

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    1. Moin Dankward,
      da hat sich im Laufe des Artikels der Buchstabenklau bedient. Ich bitte Jogi, das zu ändern- sorry!
      Lieben Gruß Ralf

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  4. Zu schnell auf senden gedrückt.
    Wer kann mir den sagen, was an die Pfeifenköpfe dran kommt?

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    1. Weichsel, Buche oder Bambus, sagte man mir. Evtl.hat Sebastian da eine Bezugsquelle?

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  5. "Eine Pfeife fürs Haus, um sie hin und wieder mit größter Vorsicht zu rauchen. An einem Regentag, wenn man sowieso daheimbleibt, ist es nicht ohne Reiz, die alte Tonpfeife anzuzünden. Es ist, als ob ihr Rauch den Raum in die Atmosphäre längsvergangener Zeiten hüllte. Man meint, den Geruch alter Petroleumlampen zu spüren, und ohne es zu merken, entführt uns die Phantasie in die Zeit der tiefen Lehnstühle und der gefühlvollen Erzählungen. Die Tonpfeife ist eine musische Pfeife."
    Aus: Verdaguer, Joaquin: Die Kunst, Pfeife zu rauchen.

    Lieber Ralf,
    vielen Dank für deinen interessanten Artikel und auch das tolle Video dazu!
    Ich finde ebenfalls dass Tonpfeifen wirklich interessante Rauchgeräte sind, allerdings kommen für mich ebenfalls nur die längeren Stücke in Betracht, werde wohl bald mal beim Pfeifenbäcker bestellen!

    Liebe Grüße, Niels

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  6. Moin Niels,
    schöne Poesie von Verdaguer...danke dafür und für Dein Lob !
    Probier`s mal aus, es lohnt sich wirklich.
    Lieben Gruß, RALF

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  7. Hallo Ralf, ich nochmal!
    Sagemal, wie reinigst Du deine Big Bob eigentlich? Denn bei einem monströsen Holm von fast 40cm sind ja selbst die 30cm-Reiniger zu kurz..
    Wäre Dir für eine Antwort sehr dankbar! :)
    Liebe Grüße, Niels

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    1. Moin Niels...tja, Reiniger können wir vergessen. Ich werde es so halten, dass ich die Pfeife mit Zitronensaft durchspüle, dann klares Wasser, 30er Reiniger, soweit er reicht...Rest Lufttrocknung. Das werde ich so jede fünfte Füllung probieren und schauen, wie es funzt.
      Lieben Gruß Ralf

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    2. Okay, vielen Dank für Deine Antwort!
      Auf dass Dir deine hübsche Big Bob noch lange erhalten bleibt, ohne den schmerzlichen Weg vieler Tonpfeifen zu gehen!
      Liebe Grüße, Niels

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  8. Eine weitere Möglichkeit ist das Ausbacken um Backofen. ansonsten finde ich Ralfs Vorschlag sehr interessant. ich würde mich über eure Berichte freuen wie erfolgreich ihr seit.
    Viele Grüße aus Hilgert.
    Sebastian (der Pfeifenbäcker)

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  9. Irgendwie hab ich Probleme mit der Kommentarfunktion.
    Wie bereits gestern geschrieben:
    Ich würde sie eher ausbacken: Backofen 250-275 Grad. 15 min und dann am besten über Nacht im ausgeschalteten Backofen liegen lassen. Nicht dass sie durch den Temperaturunterschied springt und oder ihr Euch die Finger verbrennt.
    Zitronensaft oder andere Sachen würde ich nicht nehmen, da ich befürchte dass es irgendwann zu verharzungen kommen wird.
    Hab sowas mal bei einer anderen Keramiksache mit Essig gemacht. Ganz großer Fehler.

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    1. Ich bin alt genug, um auf Ratschläge zu hören! Genauso werde ich es machen, Dankward...hab' Dank für Tipps und Hinweis!
      Lieben Gruß Ralf

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    2. Auch ich bedanke mich nochmal! (bestimmt auch im Namen vieler Mitleser) ;)
      LG Niels

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  10. Ich habe hier aber auch noch eine Alternative für die tägliche Reinigung gefunden. Sozusagen "Reiniger zur Selbstkonfektion" ! :-)

    http://www.filzenundspinnen.de/Pfeifenreiniger-Biegepluesch-Chenilledraht/Pfeifenreiniger-Meterware

    Da ist dann die Länge kein Problem mehr.

    Liebe Grüße, RALF

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  11. Der Reiddy, respekt mein lieber !!! P33

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