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Donnerstag, 17. Juli 2014

Das Schlüsselerlebnis im Keller

Das eine Handmade etwas Besonderes ist, muss hier wohl weder betont noch erklärt werden. In groben Zügen ist den meisten Pfeifenfreunden bekannt, wie aus einem Stück Holz und einer Stange Kunststoff jene Pretiosen entstehen, die uns das Wasser im Mund zusammen laufen lassen. Je nach eigenen Fähigkeiten oder Gemütslagen beurteilen wir die Ergebnisse kritisch, neutral wohlwollend oder religiös eifernd - jedem das Seine. Da ich handwerklich eher unbegabt bin, gehöre ich zu den stillen, staunenden Bewunderern solcher Pfeifen. Nach dem Motto: "...wie isses nur möglich...?"

Mein Wissen bezog ich bislang zumeist aus Theorie, kurzen Einblicken und Bildern. Ich dachte, das reicht, um die Ergebnisse hinreichend zu würdigen... weit gefehlt, wie ich inzwischen weiß.


Zunächst war ich skeptisch, als mich Claas Roßmann in seine Kellerwerkstatt einlud, um dort Augenzeuge des Entstehungsprozesses einer Pfeife zu werden. Gibt das genügend her, um einen den ganzen Tag zu interessieren? Oh... es gibt sogar genügend her, um Ansichten dauerhaft (und damit für das restliche Pfeifenleben!) zu verändern. Ohne den Vorgang der Pfeifenfertigung jetzt zu mystifizieren, ohne den festen Boden gegen die schwebenden Sphären der Esotherik zu tauschen: Es ist weit mehr, als ein rein technischer Ablauf. Ja, natürlich gehört handwerkliches Geschick, Präzision und Genauigkeit dazu... doch, darum soll es hier nicht gehen.


Es geht um die Kommunikation zwischen dem Macher und dem Holz. Man spürt förmlich, wie der Mensch sich ins Holz hinein fühlt. Wie er Formen erkennt und Linien sieht, die einem unbegabten Raucher wie mir einfach verborgen bleiben. Unter vorsichtigen Bewegungen, kurzen Schnitten und Anfeuchten und Betrachtung der Maserung entsteht die Form im Kopf des Machers... lange, bevor der Zuseher auch nur etwas ahnt, geschweige denn sieht.

Claas dreht den immer noch viereckigen, groben Klotz vor meiner Nase und doziert bereits über die fertige Form, mögliche Applikationen und passende Mundstück-Ausführungen und sieht mich dabei zweifelnd und etwas enttäuscht an. Er sieht in meinem Gesicht, dass meine Vorstellungskraft längst die Segel gestrichen hat, er erkennt, dass er sich auf eine Reise begeben hat, bei der ich ihm nur schleppend und unbeholfen stolpernd folgen kann. Das tut beinahe ein wenig weh. Denn, was nach außen hin wie Desinteresse wirken muss, ist schlicht Überforderung.

Warum kann er das... und ich kann es nicht? Ich bin doch sonst ein Mensch mit eher unbändiger Phantasie und lebhafter Vorstellungskraft. Wie auch immer. Er beginnt mit den ersten Schritten und schon nach kurzer Zeit habe ich den Anschluss verloren. Nein, ich bemühe mich jetzt nicht mehr Schritt zu halten. Ich konzentriere mich lieber auf die Eindrücke, die ich bei diesem Erlebnis sammeln kann.

Die belegten Brötchen sind vergessen, sein Kaffee wird kalt. Es wirkt wie ein Fieber, dass ihn erfasst und das weitere Unterhaltungen von selbst verbietet. Zwischendurch vermutet er immer wieder entschuldigend, dass es mir wohl langweilig sein müsse... und ahnt nicht, wie sehr das Gegenteil der Fall ist. Er arbeitet nahezu ohne Pause, doch selbst in den kurzen Unterbrechungen spricht er mit konzentriertem Blick von den weiteren Schritten, die nun folgen. Bei Sportlern greifen Reporter gern zu der Erklärung, dass sich der Athlet "...im Tunnel" befinde. Schaue ich in Claas' Gesicht, begreife ich die Redewendung besser.


Wirklich keine Minute dieses Tages war langweilig. Ich war einfach nur fasziniert, solchen Entstehungsprozess miterleben zu können, bei jedem Arbeitsschritt exakt die Pfeife werden zu sehen, von der er am Morgen schon gesprochen hat... und ich frage mich immer noch, wie so etwas geht. In diesen Stunden habe ich mehr gelernt und verstanden, als durch tausende Bilder und alle gelesenen Bücher. Weil man das, was zwischen Macher und Material vor sich geht, eigentlich nicht in nüchterne Worte und Momentaufnahmen fassen kann. Den "Geist", der sich dabei entwickelt... den kann man nur fühlen. Man muss ihn erleben.


Tja... neue Erkenntnisse führen zu veränderten Sichtweisen... oder sollten es zumindest. JETZT verstehe ich den Unterschied. Natürlich gehört meine Sympathie auch weiterhin der gut gemachten Serienpfeife. Weil sie gutes Rauchwerkzeug und genüssliche Momente zu erschwinglichem Preis zur Verfügung stellt. Doch, sie hat nicht die Seele. Die hochzahlige Herstellung auf der Kopierfräse ist halt ein rein technischer Vorgang... mehr nicht.

Nein, ein Freibrief für Mondpreise irgendwelcher, selbst ernannter "Pfeifen-Michelangelos" kommt mir sicher nicht in den Sinn... auch die vernebelte Esotherik in den Vorträgen mancher "Pfeifenweisen" wird sich mir dadurch nicht besser erschließen. Ich habe aber den Teil des Entstehungsprozesses verstanden, der sich so schlecht erklären lässt... deshalb reden Pfeifenmacher wohl auch nur selten darüber. Dafür bin ich dankbar, lieber Claas.... und ich kann nur jedem Leser aus tiefstem Herzen raten, solche Chance wahr zu nehmen, wenn sie sich bietet... wo auch immer ein Pfeifenmacher diese Einblicke ermöglicht.

Wie oft schon habe ich gesagt, dass eine Pfeife viel mehr sein kann, als ein reines "Rauchwerkzeug". Was ich da erlebt habe, lässt mich endlich meine eigenen Worte besser verstehen. Das ich es nicht ertragen hätte, die Pfeife, bei deren "Geburt" ich dabei war, in fremden Händen zu sehen, muss ich sicher nicht betonen?! ...und warum es diese Pfeife in ihrer ganzen Pracht erst später zu sehen gibt, hat seinen Grund.


Ihr Ralligruftie


Autor: Ralf Dings

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