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Mittwoch, 11. September 2013

Spot = Schrott und Kitt = Shit? Der Versuch einer pragmatischen Sichtweise!

Natürlich gibt es sie, die Pfeifenfreaks, denen eine makellose Oberfläche der heilige Gral ist... und die niemals eine Pfeife mit Spots und/oder Kittstellen auch nur eines Blickes würdigen würden. Nein, ich würde mich nie darüber lustig machen.Das zählt zum persönlichen Geschmack und zur Empfindung von Ästhetik.

Fest steht aber: Gäbe es nur solch' makellose Pfeifen, so wäre es eine Leidenschaft für Reiche... oder für Menschen, die leidensfähig genug sind, endlos auf ein solches Stück zu sparen. Nur etwa 4% aller am Markt befindlichen Pfeifen können (nach strengen Richtlinien) als fehlerlos angesehen werden. Da kann man schon von Seltenheit sprechen und sich die dazu gehörigen Preise selbst ausmalen. Doch es sind letztlich nicht nur monetäre Gründe... auch die persönliche Einstellung spielt eine große Rolle.

Es ist ausschlaggebend, wie weit man in der eigenen Seele bereit ist, Ästhetik und Pragmatismus zusammen zu bringen. Bruyere ist schließlich ein Naturprodukt. Darf man das nicht auch sehen? Ist nicht fehlerloses Holz auf Dauer ebenso langweilig, wie fehlerloses Leder? Kitt und Spots haben keinen negativen Einfluss auf das Rauchverhalten einer Pfeife... sollte man also viel mehr Geld ausgeben, nur, um im Grunde keinen Vorteil zu haben?

Okay, das Kitten von Pfeifen hat sich seinen schlechten Ruf redlich verdient... zumindest in früheren Jahrzehnten. Da waren solche „Kittmonster“, wie dieses hier, keine Seltenheit.


Zudem waren alte Kittsorten auf Dauer wasserlöslich. Was durch Handschweiß und andere Feuchtigkeit mit der Zeit dazu führte, dass das Zeug einfach heraus bröckelte... und die Pfeifenoberfläche Ähnlichkeit mit einem Golfplatz bekam. Was gab es nicht alles an ungeschriebenen Gesetzen und Abmachungen. Nur dunklen Kitt an dunklen Pfeife zu verwenden... und, und, und. Geholfen hat es letztlich nicht. Spätestens die Jahre bringen die Wahrheit ans Licht. So wie bei dieser Savinelli Fiammata, wo der Kitt es beim Nachdunkeln deutlich zu eilig hatte.


Oder bei dieser Stanwell S15. Zwar geschickt im Verlauf getarnt, hellte der Kitt mit den Jahren immer mehr auf und grinst nun aus einer, ansonsten schönen, Zeichnung.


Nun, man versuchte alles, um der landläufigen Meinung zu entsprechen, dass glatte Pfeifen einfach schöner seien. Rustizierte oder sandgestrahlte Exemplare ließen sich einfach kaum verkaufen. Daran trug nicht zuletzt die Händlerschaft ein Gutteil Schuld. Glänzend glatte Oberflächen verkauften sich quasi von selbst. Von der vielen Arbeit und der nötigen Grundqualität bei bearbeiteten Oberflächen musste man den Kunden überzeugen... und sich dazu erst einmal selbst entsprechend informieren - was aus Bequemlichkeit oft unterblieb! Deshalb finde ich es lustig, wenn manche Händler über die immer noch zurückhaltende Akzeptanz der Kunden bei Rustizierungen, Sandstrahlungen und Bürstungen lamentieren.

Allerdings sind diese Oberflächen heute schon deutlich "hoffähiger" als seinerzeit. Auf der anderen Seite kostet mühevolles Kitten einer glatten Pfeife viel Zeit und damit Geld. Das sind die Gründe, dass einem heute wesentlich weniger "Kittverbrechen" begegnen, als es früher der Fall war. Zudem lässt sich aus einer Pfeife mit sichtbaren Fehlern mit z.B. einer schönen Strahlung immer noch ein echtes Kunstwerk machen, wie diese Ser Jacopo eindrucksvoll unter Beweis stellt.


Bruyereknollen wachsen nun einmal in unmittelbarer Erdnähe. Diesem Umstand verdanken wir die Spots. Es sind grober Sand und winzige Steinchen, die die Knolle sich während ihres Wachstums einfach einverleibt hat. Manche so winzig, dass sie kaum gesehen werden, manche deutlich sichtbar... aber wirklich störend? Gut, der Pfeifenkopf sollte vielleicht nicht aussehen, als habe man mit dem Schrotgewehr darauf geschossen. Stanwell präsentierte solche "Prachtstücke" auf der letzten Intertabak. Doch ein paar kleinere Einschlüsse berauben eine Pfeife nicht gleich ihres Charmes, wie diese Butz-Choquin erkennen lässt.


Und am Pfeifenboden sind sie erst recht verkraftbar... vor allem, wenn die übrige Zeichnung durchaus gefallen kann.


Es gibt unter den Pfeifenbauern sogar Zeitgenossen (mancher mag Banausen sagen), die Holzfehler überhaupt nicht scheren. Der leider verstorbene Matthias Schäfer pflegte zu sagen: " Sch...egal, gut rauchen soll sie sich!" Eine der Pfeifen, die ich von ihm besitze, sieht am unteren Teil SO aus:


Sie überzeugt aber mit ihrer charmanten Form... und sie ist die beste Flakepfeife, die ich besitze... immer wieder ein Genuss!

Wie schon eingangs erwähnt, soll dieser Artikel keinen Einfluss nehmen. Er soll die reinen Ästheten nicht dazu bringen, zum praktischen Glauben zu konvertieren. Das wäre auch gar nicht möglich. Pfeife ist Leidenschaft, tief in der Seele verwurzelt. Das empfindet jeder Pfeifenraucher ganz allein für sich... und das ist auch sein gutes Recht. Vielleicht regen diese Zeilen aber ein wenig zum Nachdenken an... und vielleicht helfen sie manchem Träumer beim Landen. Mir platzt nämlich die Hutschnur, wenn ich einen "Experten" im Pfeifenladen sehe, der sich eine Pfeife für 80-90 € zeigen lässt, dann mit der Lupe drum herum läuft und einen Aufstand macht, wie weiland Winnetou beim Regentanz, wenn er einen Spot gefunden hat.

Noch besser kann man Ahnungslosigkeit und Weltfremde nicht demonstrieren. Wer makellose Schönheit UND perfekte Rauchbarkeit will, der WEISS, dass es das nicht zum Discounterpreis gibt... und die Anderen sollten den Ball etwas flacher halten und sich über bezahlbare Rauchgenüsse freuen. Mir persönlich fehlt die Fehlerfreiheit nicht zum Glück... ich bin selbst nicht frei von Kitt und Spots, komme aber trotzdem ganz gut mit mir klar.

Ihr Ralligruftie


Autor: Ralf Dings

Kommentare:

  1. Hi Ralf,

    auch beim Kauf einer 90 Euro Pfeife sehe ich mir die Oberfläche genau an, aber nicht um jede Fehlstelle herauszustreichen , sondern, um unter den vielen Serienmodellen das herauszufinden, das am wenigsten Spots, oder Kittstellen hat. Da gibt es selbst bei gleichen Pfeifen große Unterschiede.
    Sonst gebe ich dir recht. An den Rauchqualitäten ändern Fehlstellen nichts, und Spots sind mir ziemlich egal, wobei ich Kittstellen aus den von dir angeführten Gründen (Nachdunkeln, Herausfallen,...) wenn möglich vermeide. Immer sieht man sie an den auf Hochglanz polierten Pfeifen im Laden aber nicht, und wenn man sie dann nach dem Abgreifen bemerkt, ist es ärgerlich.

    lg,
    Peter

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  2. Moin Peter,

    es ist auch sicherlich sinnvoll, sich jedes mögliche Kaufobjekt genau anzusehen...allein schon, weil es ja noch mehr mögliche Fehlerquellen auszuschliessen gilt, als Spots und Kittungen. Gerade ehemals sehr angesehene Firmen bringen da ja mittlerweile Pfeifen in Umlauf, die jeder Beschreibung spotten. Genaue Prüfung ist sicherlich angeraten, mich erschreckt nur gern mal der oft überzogene Anspruch, den viele Interessenten dabei an den Tag legen.

    Lieben Gruß, RALF

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  3. Ein so eigentlich nicht geplanter Aufenthalt in Dublin gewährte mir vor wenigen Wochen die Möglichkeit der Anschrift 49 Nassau St. einen Besuch abzustatten. Aber selbst als praktizierender Pfeifenraucher, der ich perfekter Ästhetik schon aus finanziellen Gründen nur den zweiten Rang zuzubilligen genötigt bin, sah ich mich bitter enttäuscht. Eine "Milverton" aus der Sherlock Holmes Serie für 205 €(!) anzubieten, deren Mundstück tiefe Fräßspuren auf der Unterseite aufwies, halte ich -- gelinde gesagt -- für eine Unverfrorenheit!
    Gottlob drängte meine weibliche Begleitung quengelnd auf einen Besuch der Grafton Street. Ich verabschiedete mich von dem etwas verdutzt dreinblickenden Verkäufer mit einem für irische Verhältnisse nicht unbedingt höflichem "Not too bad. Slán agat." und erstand in der Folge unter ästhetischer Federführung meiner geliebten Partnerin eine wahrscheinlich ähnlich hochqualitative Handtasche für die Dame meines Herzens.

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  4. Lieber Arnulf,
    ich bereite gerade meine Oktober-Kolumne vor. Da ist exakt dieses Thema ein tragender Baustein. Ich habe auch in diesem Jahr auf der IT Pfeifen gesehen, die hauen buchstäblich dem Whiskey-Fass die Krone ins dänisch-irische Gesicht ! Es ist einfach unverschämt...doch in diesem Fall hatte die negative Entwicklung ja noch positive Folgen- elegant gelöst ! :-D
    Liebe Grüße, RALF

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  5. Hallo,

    genau das was du hier beschreibst stimmt auch .... in unserer BRD wird gern das Klische teuer = super propagandiert. Ich lebe mit Pfeifen im Preis niveau von 100 € und bin sehr glücklich damit. Natürlich bekommt man für mehr Geld auch optisch "besser" außgearbeitete Pfeifen... aber wie schon gesagt die Raucheigenschaften werden dadurch nicht beeinflust.
    MfG Anonym

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  6. Hi,

    meiner Meinung nach geben Spots einer Pfeife Charakter und Seele. Ich würde eine Pfeife niemals wegen Spots aussortieren. Mir sind Spots wirklich egal.

    Gruß
    Dirk

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  7. Meine erste Estate von OL ist Kittfrei :-D aber mich stört sowas auch garnicht...
    Ich bin OL Estate Fan. Da kann ich vertrauen etwas vernünftiges zu bekommen ;-)

    Lieber Gruß Til

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