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Sonntag, 10. März 2013

Meerschaumpfeifen - Mal sachlich gesehen!

Nein, im Rohzustand hat dieses Material wirklich nichts "Göttliches" an sich.Es wirkt eher, wie eine "Albino-Kartoffel".

Copyright: Peter Lehmann

Zudem hat sein Name "Meerschaum" nichts mit irgendwelcher Mystik zu tun, sondern ist einfach nur die eingedeutschte Fassung des levantinischen Wortes: "Mertscavon". Es ist auch kein Wundergestein, sondern geologisch klar zuzuordnen. Wer es genau wissen will:
 
Meerschaum, Mineral aus der Ordnung der Silikate (Talkgruppe), findet sich derb und in Knollen, auch in Pseudomorphosen nach Calcit, ist weiß oder gräulichweiß, matt, undurchsichtig, mit flachmuscheligem und feinerdigem Bruch, fühlt sich etwas fettig an, haftet stark an der Zunge, spez. Gew. 0,99-1,28, Härte 2-2,5, besteht aus wasserhaltiger kieselsaurer Magnesia Mg<sub>2</sub>Si<sub>3</sub>O<sub>8</sub> + 4H<sub>2</sub>O, enthält stets auch etwas Kohlensäure und bis gegen 14 Proz. hygroskopisches Wasser.

Nichts mit Wunderwelt, Zauberei, Phantasie also. Warum ich so deutlich und desillusionierend bin? Weil ich Meerschaumpfeifen liebe. Deswegen geht mir die ganze Geheimniskrämerei um ihre angeblich elfengleiche Erscheinung und Empfindlichkeit auf den Keks. Da wird mit weißen Handschuhen getüdelt, das Licht gedämmt, damit man die geheimnisvolle Aura besser sieht und auf die besten Einrauchphasen bei Neumond hingewiesen. Wozu? Um eine künstlich geschaffene "Wissenschaft" am Leben zu erhalten? Um den eher praktisch veranlagten Pfeifenraucher durch ein "Blümchen-rühr' -mich-nicht-an"-Image vom Erwerb eines, solch' wunderbaren Rauchwerkzeugs abzuhalten?

Wie wäre es denn mal mit Fakten? Ja, eine Meerschaumpfeife ist bruchempfindlich. Man sollte sie nicht an Laternenpfähle ausklopfen, sie nicht unmittelbar nach dem Rauchen auseinander nehmen und sie auch nicht fallen lassen. Diese Dinge macht man aber mit seinen Bruyerepfeifen auch nicht. Jedenfalls nicht, wenn man als halbwegs ernsthafter Pfeifenraucher gelten möchte. Die Verbindungsstelle zwischen Kopf und Mundstück ist empfindlich, bei Pfeifen mit 9 mm-Filterung besonders. Wer die Pfeife gut abkühlen und trocknen lässt, bevor er sie auseinander nimmt, wer dabei gefühlvoll zu Werke geht und beim Aufdrehen (im Uhrzeigersinn!) den Holm stützend mit Daumen und Zeigefinger umfasst, braucht sich darüber aber keine Sorgen zu machen. Das gilt übrigens ebenso 1:1 für Pfeifen aus Holz.

IRMISMARBEL Portraitpfeife ungefiltert

Bislang also nichts, was außergewöhnlich wäre. Gibt es echte Besonderheiten zu beachten? Ja! "Traditionell" haben gerade 9 mm gefilterte Meerschaumpfeifen einen recht dicken Biss ( die Pfeifen von Altinay z.B.) Das muss man mögen... oder sich ein anderes Mundstück anfertigen lassen, was kein Vermögen verschlingt. Gute Meerschaumpfeifen haben immer ein exakt passendes Futteral, in denen man die Schönheiten aufbewahren kann. DAS sollte man aber erst tun, wenn die Pfeife mindestens einen Tag zum Trocknen an der Luft verbringen durfte. Packt man die Ladys unmittelbar nach dem Rauchen in ihre recht dichten Futterale zurück, fangen sie mit der Zeit an gar nicht ladylike zu "duften".

ALTINAY Ornamentpfeife 9 mm
 
Die größte Besonderheit von Meerschaum kann allerdings als Nachteil empfunden werden! Durch die hohe Porösität des Materials sorgt Meerschaum für ein sehr trockenes Rauchen. Sich bildendes Kondensat wird wesentlich stärker aufgesaugt, als das bei Bruyere der Fall ist. Nun entsteht der Geschmack gerade bei hoch-aromatisierten Mischungen abereben durch dieses Kondensat, dass in Form von Wasserdampf die Aromen an Gaumen und Zunge transportiert. So kommt es, dass vertraute Aromaten aus der Meerschaumpfeife "anders" schmecken, weniger intensiv, milder, leichter. ICH persönlich lerne so Hocharomaten von einer ganz anderen (mir wesentlich sympathischeren) Seite kennen. Leckermäuler hingegen könnten enttäuscht sein.

Der, von vielen Bruyere-Rauchern immer noch geschätzte Cake (warum eigentlich?) ist in der Meerschaumpfeife eher kontraproduktiv. Die feste Schicht reduziert die Feuchtigkeitsaufnahme deutlich und sollte von Zeit zu Zeit vorsichtig mit feinem Papier ausgeschliffen werden. Noch was? Nö... kommen wir also zu den Vorteilen, die eine Meerschaumpfeife so unkompliziert und dadurch auch für Beginner tauglich macht.

1. Eine Meerschaumpfeife muss nicht eingeraucht werden.
2. Meerschaumpfeifen benötigen keine Einrauchpaste und man muss auch nicht für eine "Schutzschicht" an den Wänden sorgen.
3. Es besteht keinerlei "Versumpfungsgefahr". Selbst, wenn man nicht in der Lage ist, die Pfeife dauerhaft bis zum Boden durchzurauchen, macht das dem Material gar nichts. Vorausgesetzt, man hat die Geduld, die Pfeife gründlich trocknen zu lassen.
4. Meerschaumpfeifen nehmen die Aromen gerauchter Tabake nicht an. Sie dürfen also durchaus mit verschiedenen Tabakrichtungen "gefüttert" werden.
5. Gute Meerschaumpfeifen sind sehr leicht.

LEHMANN Meerschaum, bastummantelt-nach Ruhlaer Tradition

Worauf sollte man nun achten, um eine gute Pfeife zu erstehen? Nun, ohne daraus jetzt eine Wissenschaft zu machen, sollte man folgende Punkte berücksichtigen:

Die Angabe "Blockmeerschaum" sollte vorhanden sein. Nur dann erhält man eine Pfeife, die tatsächlich aus einem Stück Meerschaum gefertigt ist. Achtung bei den Bezeichnungen "Massa-Meerschaum" oder "Wiener Meerschaum". Das sind zerriebene Abfälle, aus denen mit Kleber und Druck Pfeifen geformt werden. Diesen Pfeifen fehlen alle positiven Eigenschaften des Blockmeerschaum - sie sind einfach Billigmüll! Je leichter eine Meerschaumpfeife ist, desto größer ist ihre Fähigkeit, Kondensat aufzunehmen. Glatte Pfeifen sind meist deutlich teurer, als ihre ornamentierten und beschnitzten Geschwister. Was im ersten Moment befremdlich erscheint, ist erklärlich. Fehlerlose Rohstücke sind recht selten... und nur aus ihnen lassen sich makellose, glatte Pfeifen fertigen. Die Pfeifen, die nach der Fertigung Fehler aufweisen, werden beschnitzt, um sie halt noch verkäuflich zu machen. Die Großhändler bekommen aber zumeist nur "Mischpakete", in denen sich glatte und beschnitzte Exemplare befinden. Also werden die glatten Exemplare im Preis etwas höher angesetzt und dadurch die ornamentierten Pfeifen etwas "subventioniert".

LEHMANN Glatt, mit typischer "Wolkigkeit". Bestes Qualitätszeichen!

Zu der so sehr herbeigesehnten Verfärbung der Meerschaumpfeifen und dem Brimborium darum möchte ich hier nichts weiter ausführen. Wer sich dafür interessiert, findet Artikel und Abhandlungen genug im Netz. Mit der Rauchbarkeit hat diese Laune der Natur nichts zu tun, daher halte ich weitere Worte zu diesem Punkt für verzichtbar.

Wann sollte man sich denn nun eine Meerschaumpfeife gönnen? SOFORT! Die Vorkommen sind nahezu erschöpft, der Abbau steckt in einer ziemlichen Bürokratie-Krise und die Aussichten sind nicht rosig. Langes Warten könnte also ziemliche Enttäuschung, zumindest aber deutlich höhere Preise nach sich ziehen.

Braucht man solch' eine Pfeife denn? Braucht man denn die 50ste Bruyerepfeife? Helmut Hochrain ging soweit, die Verpfändung des eigenen Bettes zu empfehlen, um sich eine Meerschaum-Pfeife leisten zu können. Soweit würde ich sicher nicht gehen... und so teuer sind sie auch gar nicht. Es muss ja nicht gerade "Andreas Bauer" draufstehen... ein bis zwei Nummern kleiner tut es auch!

Eine recht umfangreiche Auswahl findet sich noch unter :


Dazu gibt es auch noch eine Menge interessanter Informationen. Zusätzlich lohnt sich die Recherche im Netz.... aber, schön aufpassen! Da werden gern mal Mini-Pfeifen clever fotografiert, Schrott als perfekt angepriesen... Noch eine Parallele zum Bruyere: Erst gucken, dann kaufen! Der Genuss, den einem eine Meerschaumpfeife schenkt, ist jedenfalls unvergleichlich. Sie werden sie lieben!

Ihr Ralligruftie


Autor: Ralf Dings

Kommentare:

  1. Hi Ralf,

    das Hochrain Buch habe ich damals auch gelesen, auch die Sache mit dem Bett. :) Nun, mein Bett habe ich nicht versetzt, aber eine damals für mich sehr erheblich Summe in eine Blockmeerschaumpfeife investiert. Später habe ich dann sogar eine noch höhere Summe in eine Andreas Bauer gesteckt, und muss sagen: Ausgezahlt hat sich beides nicht. Keine meiner Meerschaumpfeifen schmeckt so gut, wie eine meiner guten Bruyere-Pfeifen. Der Geschmack bleibt irgendwie auf der Strecke. Es sind sicher keine schlechten Pfeifen, aber auch keine herausragenden. Umgelegt auf die Qualität, die ich fürs selbe Geld in Bruyere bekommen hätte, wäre ich damit besser ausgestiegen. Möglicherweise kommt es auch auf den Tabak an, den man daraus raucht. Bei den von mir bevorzugten VAs kommt bei der Meerschaumpfeife nur mehr warme Luft raus. Aromaten sind etwas weniger fad, aber sind im Vergleich zu Bruyere-Pfeifen deutlich geschmacksreduziert.

    lg,
    Peter

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  2. Tja Peter, so unterschiedlich können die Empfindungen für die "Wunderpfeifen" sein. Sie polarisieren tatsächlich...man liebt oder hasst sie...ich glaube, dazwischen gibt es nicht viel.
    So hat halt jeder seine "Likes"...:-)

    Lieben Gruß, RALF

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    1. Hallo Ralf,

      das hast du missverstanden, ich hasse die Meerschaumpfeifen nicht. Ich glaube nur, dass ihr Ruf aus einer Zeit kommt, in der die Bruyere Verarbeitung und Trocknung noch in den Kinderschuhen steckte und es bei billigen Bruyere-Pfeifen einen wirklich langwierigen und unangenehmen Einrauchprozess gab. Überdies glaube ich auch, dass daher der Ruf von Dunhill stammt, weil die damals als erste wirklich getrocknetes Holz verwendet haben. Heute tut das ja jeder. Dagegen ist eine Meerschaum natürlich viel einfacher, weil gar nicht einzurauchen. Ich finde es auch weitaus schwieriger bei Meerschaum festzustellen, welche Qualität verwendet wurde. Bei Bruyere ist es ja leicht ersichtlich. Oder ich habe einfach Pech mit meinen Meerschaumpfeifen gehabt.

      lg,
      Peter

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  3. Ich weiss nicht, Peter...für mich ist der Ruf der MS-Pfeifen immer noch berechtigt. Ich sehe sie aber nicht unbedingt in Konkurrenz mit Bruyere-Pfeifen. Bei mir gibt es da eher eine, friedliche Koexistenz. Ich kenne etliche Tabake, die ich aus einer MS-Pfeife wesentlich lieber rauche, als aus gutem Bruyere. Zur Qualitätsfrage kann ich nichts sagen. Bei meinen Blockmeerschaum-Pfeifen habe ich noch keine Qualitätsunterschiede in der Rauchbarkeit festgestellt...ich, für meinen Teil, finde es aber auch nicht so einfach, gute Bruyere-Qualitäten leicht zu erkennen.

    Lieben Gruß, RALF

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  4. Lieber Ralf,
    was soll ich noch sagen...Danke !
    Na ja...Pfeife rauchen will gelernt sein..;-))

    LG,
    HaJo
    ( the Meerschaum Lover )

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  5. Mal eine Frage an die Experten :
    stimmt es, daß, wenn eine Meerschaumpfeife einmal zu heiss geraucht wurde , sie sich nie mehr richtig verfärbt?

    mir hat das mal ein pfeifenhändler erzählt...

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  6. Die Frage ist zwar schon fast eineinhalb Jahre alt und ich kann sie auch nicht mit Sicherheit beantworten. Aber für mich klingt das verdächtig nach einem dieser typischen Pfeifen-Mythen a la "eine Pfeife wird, wenn man sie beim ersten rauchen nicht durch raucht, immer an der Stelle erlöschen, an der sie das erste mal erloschen ist".

    Liebe Grüße
    Niels

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