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Sonntag, 24. Februar 2013

Working Class Heroes

Der Begriff der "Gebrauchspfeife" ist ebenso häufig genutzt, wie eigentlich unsinnig. Sobald ich eine Pfeife rauche, habe ich sie in Gebrauch. Unabhängig von Qualität und Preis wird sie also zur "Gebrauchspfeife". Trotzdem weiß beinahe jeder, was gemeint ist, wenn man davon spricht. Oder auch von "Brot-und Butter-Pfeifen", oder "Einsteigerpfeifen.

Wenn man es zu definieren versucht, sind es meist robust gefertigte Rauchgeräte, ohne größeren Anspruch an Details, ohne Schnickschnack. Warum also werfen wir diesen Pfeifen, die sich oft noch gut rauchen und sich somit nichts haben zu Schulden kommen lassen, ein eher abfällig betontes "Gebrauchspfeife" hinterher?

Die Leidenschaft ist schuld. Die Leidenschaft zur Pfeife, die gerade langjährige Pfeifenraucher zu immer feineren Details, zu immer ausgefalleneren Formen, zu immer perfekterem Grain treibt... um den Wunsch, die Gier nach immer schöner, feiner, kostbarer zu erfüllen. Ein Fehler? Ein Vorwurf? Nein, keinesfalls... Leidenschaften sind so.

Es besteht nur schnell die Gefahr, dass wirklich Essenzielle aus den Augen zu verlieren. Sich nicht mehr mit den "einfachen" Dingen beschäftigen zu wollen, die das "Werkzeug „Pfeife" beherrschen muss, um für den Tabakgenuss (die eigentliche Aufgabe) gerüstet zu sein. So meint der "alte Hase" es gar nicht böse, wenn er die oben genannten Begriffe verwendet. Für ihn ist es eher Einstufung... doch, weniger erfahrene Raucher und Einsteiger fühlen sich von der scheinbaren Abwertung schnell mal verunsichert.

Betrachten wir doch einmal vier recht populäre Vertreter der Gattung "Gebrauchspfeife" nüchtern und sachlich, und klären, ob sie wirklich nur fürs harte Tagwerk taugen oder auch für den entspannten, erfreulichen Genuss.


Butz Choquin "Big Bowl"

Ursprünglich als "Verwertungsprogramm" für etwa vor 20 - 25 Jahren produzierte Köpfe gedacht. Seinerzeit kamen die „BBs“ ungefiltert auf den Markt und waren nicht wirklich der Renner. Also "strickte" man sie vor ein paar Jahren auf Filter um und brachte sie erneut auf den Markt. Gut abgelagertes Holz und recht originelle Formen (wie die abgebildete "Teekanne") sprechen für die immer noch in Restbeständen erhältlichen Pfeifen. Allerdings wurde das "Verwertungsprogramm" sehr wörtlich genommen. Gegen einzelne Kittstellen ist beim Preis von € 39,90,- nichts zu sagen, zumal sie den Rauchgenuss nicht betreffen.
Teilweise sind aber "Kittmonster" unterwegs, die man lieber dem Ofen anvertraut hätte.
Die Bohrungen sitzen gut, die Hölzer und Mundstücke sind solide und von guter Passform.
Die Pfeifen rauchen sich sehr angenehm und die wertige Verarbeitung flößt Vertrauen ein.
Sicher ein guter Kauf.



Aldo Morelli "Tirolese"

Die von Denicotea vertiebenen Aldo Morelli-Serien sind immer für eine Überraschung gut. Die "Tirolese"-Reihe hat durch ihre ungewöhnlich schlanken Formen mit "altmodischen" Zitaten, wie zum Beispiel dem stilisierten "Knoten" im Mundstück auf sich aufmerksam gemacht.Besonders originell sind die gebürsteten Varianten, mit glattem Kopfrand. Na ja, die Mundstücke haben nicht gerade einen flachen Biss und sind besonders fein gearbeitet, aber, die Bürstung ist auch nicht schlechter, als z.B. mittlerweile von Stanwell gewohnt. Originelle Form, gute Rauchbarkeit und ansehnliche Verarbeitung lassen den Preis von € 41,- durchaus akzeptabel erscheinen.



JIRSA "Bulldog"

Klassischer geht es eigentlich kaum. Was hier in glatter Version für € 54,- geboten wird, hat schon Stil. Einem Entwurf von Holger Frickert aus den 90ern folgend, dürfte diese Pfeife zu den stimmigsten Bulldogs am bezahlbaren Markt gehören. Ja, gerade beim Mundstück erreicht sie sicher nicht die Feinheit einer Radice, das Grain hat eher "Strassenköter-Niveau" und das von Jirsa verwendete Mundstückmaterial mag ein wenig gewöhnungsbedürftig sein. Doch, sie raucht sich fein, erfreut Auge und Hand, und ist solide gefertigt... mehr kann man eigentlich nicht wollen.



Wessex "Black Rustic"

Die "ein Kerl wie ein Baum"-Pfeife. Eher für größere Hände gedacht, satt-griffige Rustizierung, solides Mundstück. Die Bohrungen passen, der Biss ist sogar richtig fein. Idealer "Mundwinkel-Hänger", der auch mal einen Knuff verträgt. Diese Pfeife kommt mit zum Camping (da man mit ihr zur Not auch Häringe einschlagen könnte!). Nachteile der mit € 52 ,- fair bepreisten Pfeife sind ein sehr weicher Filterzapfen (der aber jetzt schon klaglos zwei Jahre hält) und etwas nachlässige Beizung bei einzelnen Exemplaren. Doch, die Wessex aus dem Hause Denicotea schafft schon beim Anfassen Vertrauen und raucht sich richtig gut.

Es gibt sicher noch zahllose Beispiele von guten"Gebrauchspfeifen". Ich habe hier mal ein paar Exemplare gezeigt, die ich beurteilen kann, weil ich sie schon lange rauche. Die mir durch ihre Unkompliziertheit und gute Rauchbarkeit ans Herz gewachsen sind. Ich nenne sie lieber "Kumpelpfeifen"- das trifft es besser. Zumal ich sie jedem Kumpel empfehlen würde, der einfach nur gute Rauchgeräte sucht und den die Leidenschaft vielleicht noch nicht SO sehr im Griff hat, wie viele von uns. Da nehme ich mich nicht aus!

Ihr Ralligruftie


Autor: Ralf Dings

Kommentare:

  1. Hallo Ralf,

    das sehe ich auch so !
    Aber weißt Du, was das schlimme ist ?
    Auch "Edelpfeifen" rauchen sich gut, schmecken gut, sind unkompliziert und lassen nichts sich zu Schulden kommen... ;-)=

    BG - manni

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    1. Hallo Manni,

      ich hatte schon einige "Pfeifenunfälle", wonach die Pfefie eine dicke Macke hatte. Da das alles die hier angesprochenen Gebrauchspfeifen mit dementsprechenden Preisen waren, habe ich die Pfeife wieder aufgesammelt und nicht weiter drüber nachgedacht. Genausowenig, wie mir eine weitere Delle in meinem 20 Jahre alten Golf keine schlaflosen Nächte bereitet. Passiert mir das mit einer 1000 Euro Pfeife, oder analog einem 60.000 Euro Auto, würde ich das nicht so gelassen sehen.

      Teure Pfeifen lassen sich sicher gut rauchen und haben alle Eigenschaften, die du auflistet, aber mir wären sie zu wertvoll, um sie geniessen zu können.

      lg,
      Peter

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  2. Hallo Peter,

    gut, kann ich nachvollziehen - aber dann dürfte ich mich ausschließlich nur mit GEBRAUCHSgegenständen umgeben - keine teure Tasse, kein Weinglas, ... und: Einen Porsche kann man genau so reparieren wie einen Golf...

    BG - manni

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    1. Hallo Manni,

      Pfeifen kann man leider nicht so leicht reparieren, vor allem, wenn das Holz Macken hat. Eine Serienpfeife mag ja noch ersetzbar sein, eine Handmade nur wenn der Macher ein Shape häufiger fertigt.

      Ich bin aber sicher, dass auch die Sammler der hochwertigsten Pfeifen, zum Alsterspaziergang nicht eine Bo Nordh ausführen. Ist dann eben eine Dunhill, oder in der Klasse. So wird selbst die dann eine Gebrauchspfeife. ;)

      lg,
      Peter

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    2. Hallo Peter,

      nicht an der Alster - da hast Du recht - aber am Rhein ! ;-)
      SCNR - Manni

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  3. Da hast Du natürlich recht, Manni. Ich bekomme nur viele PNs, in denen sinngemäß die Frage steht: " Kann man solche Pfeifen denn überhaupt kaufen und rauchen, wo doch RICHTIGE Pfeifen soviel teurer sind ?"
    Ich wollte nur mal klarstellen, dass solche Pfeifen durchaus ihrer Aufgabe nachkommen und genießbar sind...auch und gerade, weil es unter den "Pfeifenkennern" immer noch eine Handvoll Idioten gibt, die aus purem Dünkel die Vorurteile gegen preiswertere Pfeifen schüren. Natürlich bekenne ich mich zur Leidenschaft und wollte damit hochpreisigen Pfeifen nicht "vor die Schienen" treten. Doch, ich käme,z.B.nie auf die Idee, eine, meiner liebgewonnenen Pretiosen mit zur Arbeit auf der Tankstelle zu nehmen. Dort erfreue ich mich an Pfeifen, wie aus dem Artikel...und die sind oft deutlich besser, als ihr Ruf.
    Lieben Gruß, RALF

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  4. Hallo,

    ich stimme ganz zu und könnte sogar sagen, dass ich nur "gebrauchspfeifen" habe, denn pfeifen, denke ich mal, sind eben "rauchzeuge",...

    die bezeichnung "gebrauchspfeife" scheint mir genau so redundant, wie der ausdruck "verständnisfrage", den man so oft im akademischen millieu hört, ... was zum teufel ist eine frage, wenn nicht eben eine "verständnis-frage"? der, der "fragt", soll immer was verstehen wollen,... oder?

    da mein budget nicht eben "grossbürgerlich" ist, habe ich die "lumpenproletarische" alternative gefunden zu den für mich unbezahlbaren unikaten, handwerklich u. echt kunstlerische produzierten, die ich auch ästhetisch schätzen weiss,... meine pfeife sind vor allem "estates" (oder eher einfach nur 2.hand/gebrauchte pfeifen), die alle ganz billig bei ebay ersteigert wurden... anstatt eine ganz unbekannte, sagen wir mal entschieden mittelmässige pfeife oder eine aus komischem holz, erwerbe ich lieber mehr oder wenniger guten markenpfeifen, manchmal auch 2.marken von bekannten hersteller, die vielleicht noch billiger sind als jene, und dass zwar, weil man sich die mühe nicht erspart, die üblichen "sanierungen", "renovierungen", usw. selbst zu treiben...

    beste grüsse!

    th.

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  5. Hallo Ralf,

    ein schöner Artikel. Dein Urteil über die Jirsa Pfeifen kann ich voll und ganz unterschreiben. Deren Qualitäten sind wirklich durchweg wunderbar. Nicht ganz unterschreiben würde ich das aber bzgl. der Butz Choquin Big Bowl Reihe.

    Ich habe drei von vier Pfeifen (online bestellt) zurück schicken müssen. Das Zugloch endete zu hoch in der Brennkammer und die Holm-Mundstück-Verschachtelung war auch häufig nicht sehr sorgfältig gearbeitet. Eine Pfeife war in Ordnung, allerdings ein regelrechtes Kittmonster (acht Spots auf den ersten Blick!!!).

    Da ich das Finish der Pfeifen aber sehr mag, bin ich froh, noch eine ergattert zu haben. Ich denke aber, dass man - gerade jetzt, wo kaum noch welche auf dem Markt sind und bestimmt einige fehlerhafte Exemplare in Umlauf sind - genau hinsehen sollte.

    Viele Grüße

    Dirk

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  6. Lieber Dirk,
    zur Verteidigung der Big Bowls muss das Folgende gesagt werden:
    Bei der Neuauflage der "Big Bowls" griff man auf vorhandene Köpfe zurück, die über 30 Jahre alt sind. Seinerzeit wollte man die BB`s als große oFi-Pfeifen am Markt platzieren. Das floppte und so kam man vor ein paar Jahren auf die Idee, die Masse an Köpfen mit 9er Mundstücken zu versehen und sie auf den deutschen Markt zu bringen. In der Zeit, wo die Köpfe produziert wurden, konnte man kaum genug Holz bekommen, um die Nachfrage des Marktes zu decken. Also warf man nicht weg, sondern kittete...was seinerzeit üblich und nicht verwerflich war. Dadurch erklärt sich der hohe Kittanteil und die gelegentlich schwierige Passung der Holm-Mundstück-Übergänge. Zu hohe Bohrungen im Kopf sollten nicht sein, Ich habe sie am letzten Freitag aber auf der Messe noch bei 250 €-Petersons gefunden. Wir sollten mit den "alten Damen" etwas großzügiger sein und uns am gut gelagerten "Big Bowl"-Holz freuen. :-) Zumal bei dem Spaß-Preis !
    Lieben Gruß, RALF

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  7. Hallo Ralf,

    vor dem Hintergrund ist das Thema Verschachtelung schon besser nachzuvollziehen. Ich wollte die Pfeifen auch nicht grundsätzlich schlecht machen (Ich denke, die Tatsache, dass ich ein ordentlich nachgekittetes Exemplar behalten habe und sehr schätze, spricht für sich;-)).

    In diesem Sinne: Auf die "alten Damen"!

    Beste Grüße

    Dirk

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  8. Hallo Dirk,
    so sehe ich das auch. Sie haben ihre Macken, die Big Bowls...aber liebenswert und besonders sind sie doch ! :-)
    Cheers, old Ladies !
    Lieben Gruß, RALF

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