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Sonntag, 27. Januar 2013

Nein, ich mag Poul Winslow nicht... oder "das Psychogramm eines Täters"

Mein (so glaubte ich) erster Kontakt mit dem Namen Poul Winslow waren die Erzählungen eines Tabak-Vertreters, der regelmäßig unsere Tankstelle heim sucht. Er gab zum Besten, er habe "schon wieder eine seiner Winslows auf dem Golfplatz vergessen", das seien überhaupt die göttlichen, die besten Pfeifen, wie auch seine Freunde vom exklusiven Pfeifenclub immer bestätigen würden... bla, bla, bla!

Ich hasse das Gesülze solch' neureicher Schnösel... und zack, hatte ich P.W. und seine Pfeifen in die gleiche Ecke einsortiert. Statussymbole für "Möchtgern-Kenner". Mein Auto, mein Haus, mein Boot... meine Winslows.


Nein, nichts für mich... ich hielt mich schließlich für einen "Insider", einen Freak. Richtig gute Pfeifenmacher durfte kaum ein Mensch kennen, sie mussten wirres Haar und Vollbärte haben und in kaum zu findenden Hinterhof-Häuschen ihre "Rauchhölzer" mit religiöser Inbrunst fertigen. Je mehr Catweazle, desto besser... desto glühender verehrte ich diese Leute. Alles musste "freaky" sein.

Wie dieser Winslow schon aussah: Gekämmt, adrett mit Silberrandbrille... wie ein Buchhalter. ...und dann seine Werkstatt... aufgeräumt, modern, hell... wie bei einem Zahntechniker... furchtbar! ...und das Schlimmste: Er fertigt nicht mal all' seine Pfeifen selbst! Skandal... geht gar nicht! Nein, von diesem Kerl wollte ich keine Pfeife... die taugen bestimmt eh' nichts.

Zu diesem Zeitpunkt besaß ich übrigens bereits zwei Pfeifen, die ich zehn Jahre zuvor in einem Dänemark-Urlaub gekauft hatte und mit denen ich sehr zufrieden war. Die Marke? CROWN... von wem auch immer die stammten?

Es kam der Tag, an dem mir die Einladung meines Stammladens, Tabak Zander in Wuppertal, ins Haus flatterte. Poul Winslow sei zu Gast.. und ich eingeladen. Was? Nur um einem Freund beizustehen, ging ich hin. Besagter Freund trug den Wunsch in sich, auch Pfeifen zu bauen. P.W. war und ist sein erklärtes Vorbild ( wieso gerade DER?) und er erhoffte sich Tipps vom Meister selbst. (Meister? Phh!) Es kam, was ich schon ahnte: Mein Freund holte sich eine, deftig-arrogante, Abfuhr. Wusste ich es doch! (Nein, es kam mir damals nicht in den Sinn, dass auch Pfeifenmacher nur Menschen sind und auch mal schlechte Tage haben.)

Während mein Freund sein Gespräch suchte, machte ich zwei furchtbare Entdeckungen:

1. Crown-Pfeifen stammen von Winslow!
2. Die Winslow-Pfeifen zogen mich mächtig an und in ihren Bann!

Das darf doch wohl nicht wahr sein...

Ich brachte mich in Sicherheit... doch, die Saat begann zu keimen. Warum auch immer, ich fing an mich über diesen Mann zu informieren... und erfuhr, dass er im Alter von 17 Jahren seinen Chemigrafen-Beruf hin schmiss, um bei Preben Holm das Pfeifen machen zu lernen. Bereits zwei Jahre später, mit 19 (!) leitete P.W. dort die Pfeifenproduktion. Er arbeitete u.a. mit Hansen/Noltensmeier (heute BANG) zusammen... und als er 1985 aus dem Urlaub kam, fand er die Holm-Manufaktur geschlossen und machte sich kurzerhand selbstständig.


Klingt das nach einem "Schicki-Micki Pfeifenmacher", der keine Ahnung und keine Leidenschaft von der und für die Pfeife hat? Ne... ganz und gar nicht. Ist das nicht die Leidenschaft, die ich bei Pfeifenmachern eigentlich suche? Ja... schon... trotzdem... "Trotzdem" sagt man ja gern einmal, wenn einem die Argumente ausgehen...

Ich registrierte beunruhigt, dass ich anfing, bei ebay immer häufiger nach gebrauchten Winslows zu schauen. Nur um festzustellen, dass diese Pfeifen auch als Estates nicht gerade Schnäppchen sind. Doch es kam, wie es kommen musste. Ich erstand eine "E", die zu einem ungünstigen Zeitpunkt auslief... für € 69,-. Eine Winslow gekauft zu haben machte mich so durcheinander, dass ich mich zunächst nicht traute, sie in der Öffentlichkeit zu rauchen oder jemandem davon zu erzählen. Wie lächerlich verloren man doch manchmal im Kerker der selbst gezüchteten Vorurteile sitzen kann!

Grade "E" Ekstra

Die "schlimmen Erfahrungen" gingen weiter. Diese Pfeife rauchte sich auch noch derart gut, dass der "Winslow und Crown-Virus" entgültig bei mir ausbrach. Was wollte ich dem Mann auch noch vorwerfen? Das er beliebt und erfolgreich ist? Ist es denn ein Frevel, wenn man den Geschmack trifft und die Leute die gute Ware schätzen, die man anbietet? Gut, er wird von den "Wissenden" niemals in den "inneren Zirkel" gewählt... wohl, weil er so populär ist. Doch dass interessiert mich genauso wenig wie das salbungsvolle Geschwafel dieser "Pfeifenpäpste".

Pfanne
  
Es kam aber noch schlimmer. Der Zufall führte zu zwei Gesprächen mit P.W. auf der Intertabac in Dortmund. Ruhig, freundlich, eloquent kam er rüber, der Meister. Gute Gespräche ohne Worthülsen... ja, er hat mich beeindruckt. Kein Vergleich zum ersten Treffen. Der Urwald gut gepflegter und gediehener Vorurteile wurde vom wachsenden Respekt gegenüber diesem Mann gerodet.

Intertabak 2012
  
Die Crowns und Winslows wurden mehr in meiner Sammlung... und von Kleinigkeiten abgesehen bin ich mit allen Pfeifen mehr als zufrieden. Die überzogenen Preise für Winslows umgehe ich, in dem ich die Pfeifen gebraucht kaufe. Vom Estate-Händler meines Vertrauens (Olaf Langner "Estate and Art Pipes") oder aus vertrauenswürdiger Privathand.

Grade "C"
 
Bin ich nun ein Winslow-Fan? Hm... ich "fürchte" ja! ...und habe ich etwas gelernt? Ja... es stimmt nicht, dass immer der erste Eindruck richtig ist. Man sollte sich erst über Menschen und Dinge ein eigenes Urteil bilden, bevor man seine Meinung äußert... und dann auch dazu stehen - völlig egal, wie "die Anderen" das sehen. Wieder ein Stück Lebenserfahrung gesammelt!

Grade "D"
 
Meine Crowns und Winslows begleiten mich heute überall hin. Durch Deutschland und Europa... nur nicht zur Arbeit. Ich hätte Angst, dass mich dort der Tabakvertreter mit einer Winslow sieht... und mich auf den Golfplatz einlädt!

Ihr Ralligruftie


Autor: Ralf Dings

Kommentare:

  1. Hallo Ralf,

    nunja dass sich ein Pfeifenmacher auf der größten Tabak-Händlermesse (InterTabac) anders verhält, als beim Tabak "Fritze" dem Endkunden gegenüber kann ich durchaus verstehen.

    Wobei du natürlich mit dem "jeder hat mal nen schlechten Tag" Satz sicher auch recht haben kannst.

    Ich selbst hab ihn bisher nur auf der InterTabac gesehen und belanglos beim warten auf den STG-Vertreter geplauscht. Über den Tabak der da rum Stand. Grässliches Zeug ;-)

    Zu seinen Pfeifen:

    Unter der Crown-Reihe find ich gibt es ein paar Preis- / Leistungsknaller. Bezahlbar und trotzdem etwas "besonderes".

    Ich selbst bin sicher, dass da noch die ein oder andere zu mir finden wird.

    Seine Freehands allerdings liegen meist sehr weit davon entfernt, was ich bereit bin für eine Pfeife zu zahlen :-)

    Da kauf ich lieber bei den weniger durch Marketing gehypten Pfeifenmachern.

    Schließlich baut auch ein Winslow einfach nur Pfeifen wie viele andere auch.

    Suum cuique!

    Viele Grüße

    Tim

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  2. Hi Ralf,

    mal wieder ein schöner Bericht.
    So kann es gehen, wenn man sich sein Urteil zu schnell bildet.
    Ich selber besitze mittlerweile 4 Crowns und bin mit jeder einzelnen sehr zu frieden.
    Eine "echte" Winsløw wird wohl nicht in meine Sammlung kommen, denn die Preise sind mir einfach zu hoch.
    Wenn doch, dann als Estate.

    LG und einen schönen Sonntag
    Bernd

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  3. Naja Tim...bei denen kaufe ich ja auch...und so sehr mich die "Marketing-Walze" bei P.W. auch stört...seine Pfeifen finde ich trotzdem fein.
    Seine Freehands sind aber auch mir nur dann "preislich zugänglich", wenn ich sie als Estates kaufe...auf der Messe, z.B. machen mich seine Preisschilder eher schwindelig.
    Gebraucht gekauft und geschickt gesucht, geht es deutlich preiswerter.

    Quod erat demonstrandum!

    Viele Grüße zurück

    RALF

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    1. Auch ich oute mich als Winslow-Fan - ohne ihn vorher abgelehnt zu haben ;-) Reine unverfälschte Liebe - und nackte Verzweiflung wenn ich die Preisschilder sehe. Ich machs halt wie meine Vorredner, ich fische in der Bucht und habe schon manches schöne Stück gefangen - sogar gelegentlich zu konkurrenzlosen Preisen.

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    2. Danke Gunnar...fühle ich mich nicht mehr so alleine ! :-)
      Ja, das mit der nackten Verzweiflung kenne ich gut...in Dortmund fand ich so ein "hübsches Pfeifchen" von ihm...da stand irgendwas von achthundertsowieso Euro dran...als ich an der frischen Luft war, ging es mir besser...aber, schön war sie schon...

      Lieben Gruß, RALF

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  4. Danke Bernd !

    Ja, die Crowns haben wirklich ein recht gutes Preis-Leistungsverhältnis..und "die dicken Paulchen" gibts bei mir auch nur als Gebrauchte. Für neu reicht die Brieftasche nicht. Bislang habe ich aber auch keine Estate, die nicht taugen würde. Mich stört es nicht...ich fahre ja auch Jahreswagen. :-)
    Dir auch schönen Sonntag !

    Lieben Gruß

    RALF

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  5. Hallo Ralf,

    vor Allem ist Poul Eines: zuverlässig !
    Was ihn bei Händlern für Präsentationen beliebt macht:
    Wenn er sagt er kommt,kommt er (und hat auch Pfeifen dabei ;-)

    Daß er sein Handwerk auch sonst versteht ist unbestritten,
    es gibt eben nur "zu viele Pfeifen" von ihm,
    um ihn für manche Sammler interessant zu machen...

    BG - manni

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  6. Hallo Manni,

    ja, das kann ich gut nachvollziehen. Mit Sammleraugen betrachtet, ist die Menge und Vielfalt an P.W.s ja schon "inflationär".Da würde ich mir auch andere Ziele suchen. Nur, meine Vorurteile waren dumm und angelesen...naja, man kann ja dazu lernen...und Zuverlässigkeit macht diesen Mann in meinen Augen noch respektabler. Ist ja heute in der Allgemeinheit nicht mehr unbedingt eine hervorstechende Eigenschaft...
    Lieben Gruß, RALF

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  7. Hallo Ralf, ja das sind mal Worte vom feinsten;-) Du bist auf den geschmack gekommen. Ich kann es natürlich verstehen:-) Meine liebe zu den Pfeifen setzt sich von deinen natürlich etwas ab. Doch es ist ja zum Glück für jeden Geschmack etwas dabei. Für dich etwas dezenter, und für mich so bunt und verspielt wie es nur möglich ist. Ich liebe fast alle seiner Werke. Doch muss ich mich bei den Preisen auf einen grossen Teil beschränken:-( Natürlich sind da noch die Estates. Aber, viele liegen da doch noch etwas im höheren bereich für mich. Zumindest das was ich haben will? Zum Glück konnte ich 3 Winslow-E für mich ergattern, bei denen ich nichtmal gross meine Geldbörse zücken musste:-) Das kann auch mal vorkommen. Ist ja nicht alltäglich. Super Bericht von dir:-) Was gibt es schöneres als eine Leidenschafft die beide teilen;-) LG Claas

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  8. Klar Claas, dass ich damit bei Dir offene Türen eintrete.
    Du bist ja schliesslich der erste Vorsitzende vom "Paulchen Fanclub".:-)
    Gut, meine Verehrung für P.W. ist vielleicht etwas sachlicher...in der Summe sind wir uns aber einig. :-)
    ...und zum Thema "dezenter" habe ich evtl. bald eine Überraschung zu bieten.

    Lieben Gruß, RALF

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  9. Hallo Ralf, wie sehr man doch manchmal von Vorurteilen in der Meinungsbildung manipuliert wird, und sich sicher fühlt, dass es nicht anders ist. So habe ich mich in meinem Leben diesbezüglich auch schon gewaltig getäuscht und musste meine Meinung total umändern. Das war natürlich peinlich für mich.
    Liebe Grüße, Reto

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  10. Kenne ich gut, Reto ! ...aber, ich denke, peinlicher ist, wenn man trotz besserem Wissen auf Standpunkten und Meinungen beharrt.
    Dazu zu lernen ist erlaubt...und ehrlich zuzugeben, sich geirrt zu haben eher ehrenvoll...:-)

    Liebe Grüße, Ralf

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  11. Hallo Ralf,
    als mir das erste Mal ein Winslow in einem Laden angeboten wurde, habe ich als zu teuer abgewinkt. Der Verkäufer wollte mir aber nur etwas Gutes tun und zeigte mir die Crowns und mente eine der 200er würde gut zu mir passen und wenn ich das Rauchverhalten schlecht fände, würde er sie sagar geraucht zurück nehmen. Er machte seinen Deal und ich gebe die Pfeife garantiert nicht mehr freiwiliig her. Echte Winslow sind mir nach wie vor zu teuer, aber bei den Crowns läßt sich auch neu schönes zum fairen Preis finden (das haben ja schon viele festgestellt).
    Danke für den ehrlichen und schönen Bericht.
    Viele Grüße
    Dieter

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  12. Hallo Ralligruftie,

    Winslow?? Das sind Pfeifen für "Snobs" und verrückte Sammler...exorbitant teuer und mit "durchgeknalltem" Design...dachte ich...mittlerweile besitze ich 6 sehr elegante, beinahe klassische Stücke...und ich würde sie am liebsten jeden Tag rauchen...! Außerdem habe ich sie alle zu sehr annehmbaren Preisen bekommen!

    Ich stelle mit Vergnügen fest, dass sich unsere Geschichten sehr ähneln! Es geht doch nichts darüber, aus eigener Kraft seinen Standpunkt zu ändern!

    Ich bin gespannt, wann ich mich über die erste eigene Dunhill freue... ;)

    MFG
    Marc

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  13. Hallo Marc,

    tja, das "NIE" habe ich mir auch schon länger abgewöhnt.
    Früher hielt ich die Änderung fester Standpunkte für Unreife...heute weiss ich, dass unreif ist, wer solch eine Ansicht vertritt. :-) So lernt man dazu...

    Lieben Gruß, RALF

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