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Montag, 26. November 2012

USA: The Iwan Ries Lounge

Wer denkt, dass es (Pfeifen-) Rauchern in Deutschland besonders hart mit restriktiven Rauchverboten getroffen hat, dem ist die gegenwärtige Situation in den USA nicht bekannt. Ja, im Heimatland gigantischer Tabakkonzerne und weitflächiger Tabakanbaugebiete macht sich eben auch in diesem Bereich ein „change“ bemerkbar. War Rauchen hier vor 30 Jahren noch absolut en vogue, so hat in den letzten zehn Jahren eine gesellschaftliche 180°-Wendung in die gegenteilige Richtung stattgefunden. Mannigfaltige Gesetze und Verbote, Anti-Raucherkampagnen, Nichtraucher-Lobbys sowie der allgemeine öffentliche Imagewandel des Rauchens indizieren, dass die Zeiten Marlboro Country‘s passé sind. Ob das jetzt gut oder schlecht ist, soll jeder für sich selbst entscheiden. Ich persönlich will möglichst neutral meine Eindrücke mit euch teilen, die ich in den USA gesammelt habe.

Bedingt durch den in den USA vorherrschenden Föderalismus, ist die Handhabung von Tabak und seines Konsums von Staat zu Staat unterschiedlich. Dabei bestehen weitaus größere lokale Spielräume als in Deutschland. Beispiel Tabaksteuer: Es gibt zwar eine „federal tax“, jedoch ebenso eine variierende „state tax“ und sogar eine „local tax“ auf Tabakprodukte. So kostet eine Schachtel Zigaretten in New York derzeit ca. $ 12.50,-, hingegen in West Virginia $ 4.84,-. Hierzu eine kleine Anekdote: Ich wollte während meines ersten New York Aufenthalts bei einem Tabakhändler nahe der Wall Street zwei Dosen McClelland kaufen. Als der nette Verkäufer dann für die zwei 50 g Dosen $ 36,- haben wollte, war ich doch etwas verdutzt. Ich habe diese dann online zu $ 17,- erstanden.

Und so variieren eben auch die Rauchverbote. Darf man in einigen Staaten nur mit 10 ft. Abstand vor öffentlichen Gebäuden rauchen, kann man z.B. in Las Vegas wirklich noch so gut wie überall qualmen. Die von den Amerikanern so geschätzte „diversity“ schlägt sich hier doch bemerkbar durch. Verallgemeinernd kann man sagen: In Großstädten sowie in progressiveren, politisch liberaleren Staaten, ist der Nichtraucherschutz restriktiver als in den konservativ geprägten. So haben gerade Genussraucher in Metropolen wie Chicago nur noch sehr limitierte Möglichkeiten, ihrem Hobby in der Öffentlichkeit zu frönen. Deswegen öffnen mehr und mehr sogenannte „smoker clubs“ oder „lounges“, in welchen man noch legal Tabak konsumieren darf. Einen solchen Ort will ich heute hier näher vorstellen: The Iwan Ries Lounge.

Iwan Ries ist einer der letzten wirklichen Pfeifen- und Zigarrenfachhändler in Chicago Downtown, also innerhalb des sogenannten Loops. 

Blick auf einen Teil des Loops
Auf den eigentlichen Laden will ich hier nicht näher eingehen. Nur ganz kurz: Ein Besuch ist absolut lohnenswert. Das besagte Geschäft hat aber auch eine exzellente Lounge, um die es im Folgenden gehen soll. Ich will euch einfach kurz meine Eindrücke schildern.

Vor dem Geschäft „Iwan Ries“
Nach einem netten Einkauf bietet es sich natürlich direkt an, seine neuen Schätze auszuprobieren. Gesagt, getan: Einfach einen der wirklich kompetenten Iwan Ries Gentlemen informiert, dass man der Lounge einen Besuch abstatten will, $ 15,- für den „single day“ pass bezahlt (Jahreskarte $ 750,-) … und los geht es. Wem dieses Entgelt viel vorkommt, sei gesagt: Alles - aber wirklich alles - ist in Chicago teuer, da fallen diese $ 15,- nicht mehr ins Gewicht.

Durch eine schwere, deckenhohe Holztür betritt man eine Art Raucherapartment. Dieses besteht aus drei großen Räumen, einer Bar und Toilette. Der erste Eindruck erweckt in mir Erinnerungen an das Betreten einer alten Bibliothek in englischem Stil, nur dass man die Bücher durch Humidore, Aschenbecher und Alkoholflaschen ausgetauscht hat. Ach ja, und natürlich riecht es nicht nach verstaubten Antiquariat, sondern nach Tabak – hauptsächlich nach Zigarre. Wunderbar!

Im „Wohnzimmer“, also im Hauptraum, stehen mehrere Sessel und Couchgarnituren. Die Wände sind mit dunklem Holz getäfelt, wobei eine Seite komplett verglast ist und einen tollen Blick auf die geschäftige Wabash Avenue ermöglicht. Diese natürliche Lichtquelle tut dem ansonsten sehr dunklen und notorisch verrauchten Raum äußerst gut. Dazu sorgt ein großer Flachbildfernseher für eine weitere optionale Möglichkeit der Unterhaltung. Von diesem großen Hauptraum gehen die beiden kleineren Nebenräume ab. Der eine wirkt wie ein Konferenzraum. Ein langer, hölzerner Tisch, der an den Seiten und Enden mit Leder überzogenen Freischwingern umringt ist, füllt den Raum fast komplett aus. Dieser könnte auch der Schauplatz diverser Hollywood-Filme sein – aber natürlich nur alter, da Aschenbecher in Büros heute ein No-Go sind. In der Wand befinden sich integrierte Schließfächer, die man für zusätzliche $ 350,- per annum anmieten kann. Der dritte und letzte Raum ist eine Mischung aus den beiden vorher genannten. Er hat sowohl kleinere Tische, die zu einer Partie Poker einladen, als auch Sessel und Couches. Dieser Raum hat keine natürliche Lichtquelle und wirkt wie ein konspirativer Rückzugsort. Mir schießen Bilder durch den Kopf, wie Ganoven à la Al Capone im Nadelstreifenanzug gewappnet mit Zigarre zwielichtige Geschäfte besprechen. In der Realität jedoch sitzen hier einfach normale Amerikaner wie man sie kennt. Entspannt, leger und freundlich – immer zu einem kleinen Small Talk bereit. Man tauscht sich über Gott, Welt und Tabak aus, fachsimpelt und verbringt eine nette Zeit. An der Bar kann man sich gratis frischen Kaffee brühen oder sich einen Drink genehmigen. Von Whiskey bis zur Williams Birne – Auswahl gibt es genug. Natürlich ist auch für Nachschub an Rauchware gesorgt, der in Humidoren und Tabaktöpfen gelagert wird (es gab auch gratis diverse Blends der Iwan Ries‘ Hausmarke „Three Stars Tobacco“ zu testen).


Kurz gesagt: Ich finde die Lounge klasse. Das Ganze vermittelt einen sehr edlen, elitären Eindruck; ja, es ist ein echter Raucher-Club. Das soll nun aber nicht negativ ausgelegt werden. Im Gegenteil: Die Amerikaner schaffen es nämlich zur gleichen Zeit, durch ihre natürliche Gelassenheit eine angenehme, gemütliche und freundliche Atmosphäre entstehen zu lassen, ohne dabei abgehoben und snobistisch zu wirken.

Diesen amerikanischen Positivismus, also der Versuch mit jeder Situation zurechtzukommen und das Beste daraus zu machen, gefällt mir. Ich hoffe, dass auch in Deutschland mehrere solcher Orte entstehen, an welchen Gleichgesinnte – „brothers of briar“ – zusammenkommen können, um gemeinsam nette Stunden zu verbringen.


Autor: Matthias D.

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